Wir haben die Revolution verschlafen

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Gerade ist viel Aufbruch und Bewegung im Thema „Digitale Bildung in der Schule“. Das ist gut und richtig. Der Herbst ist voll mit BarCamps zum Thema und viele Schulen und Lehrkräfte nutzen den Schwung des Schuljahresanfang, sich noch einmal Gedanken zum Thema zu machen. Und diese auch in der Schulentwicklung oder einfach nur in kleinen Versuchen im Unterricht umzusetzen.

In diese Atmosphäre hinein veröffentlich die OECD wieder einmal eine PISA-Auswertung. Die Kernbotschaft darin: Technik alleine hilft nicht. Es geht um die Pädagogik. Richtig. Man könnte es auch anders sagen: Wir machen Schule nicht, damit da Computer geutzt werden. Wir machen Schule, damit Kinder und Jugendliche das Lernen, was sie für ein erfolgreiches Leben in unserer Gesellschaft benötigen. In einer sich verändernden Welt benötigt Schule daher auch andere Herangehensweisen und die können wahrscheinlich mit IT sinnvoll unterstützt werden.

Was aber bisher keinen gestört hat an derVeröffentlich der OECD ist eine kleine Zahl: 4,2 Schüler teilen sich demnach einen Computer in einer deutschen Schule. Damit liege Deutschland – mal wieder und wen wundert das noch – im unteren Drittel.

All jene, die diese Zahl gestern nachgedruckt (oder wie sagt man das digital?) haben, haben wahrscheinlich im letzte Herbst auch über die ICILS-Ergebnisse geschrieben. Da wurde auch gezählt. Ergebnis: 11 Schüler teilen sich einen Rechner. Noch älter sind die letzten Zahlen vom BMBF. Da haben fleißige Hände auch 11 Schüler vor jedem Rechner gezählt. Wir haben also Zahlen aus 2006 (BMBF), 2012 (PISA) und 2013 ICILS. Und wenn das alles stimmt, dann hat die Revolution in der digitalen Bildung 2012 stattgefunden, als kurzfristig unzählige Computer in Schulen vorhanden waren. Ich habe das mal aufgemalt…

Bildschirmfoto 2015-09-16 um 09.01.38Gemerkt hat das wohl keiner. Weder 2012 in der Schule, noch gestern beim nachbeten der neuen Zahlen – die älter sind als die der ICILS-Studie aus dem Herbst.

Wie es zu diesen Zahlen kommt, weiß ich noch nicht. Ich versuche das mal rauszukriegen.

Aber drüber nachdenken, was da so alles geschrieben wird, könnte man schon.

 

 

„Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden“

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Am 22. April war ich als Gesprächspartner im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages. Diskutiert wurde der Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD mit dem Titel „Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden“. Eine Aufzeichnung der Sitzung findet sich in der Mediathek des Bundestages.

Meine Positionen habe ich in der folgenden Stellungnahme zum Antrag zusammengefasst.

Die Diskussion um eine stärkere und systematischere Nutzung digitaler Medien im Unterricht mit dem Ziel Medienkompetenz zu fördern und digitale Spaltung zu verhindern ist zum jetzigen Zeitpunkt richtig und wichtig. Sie muss aber immer in den Gesamtkonzept gesellschaftlicher Entwicklung gestellt werden und fragen, welche Aufgaben Schule in dieser Gesellschaft wahrnehmen muss.

Bildung in und für eine digital geprägte Welt

Schule hatte immer die Aufgabe, junge Menschen in ihrem Bildungsprozess zu begleiten und zu unterstützen. Dabei ist es das Ziel, dass sich selbstständige, problemlösungsfähige und lebenstüchtige Persönlichkeiten entwickeln können. Gemessen werden muss dies aber immer an den gesellschaftlichen Bedingungen, in und mit denen eine Person lebt. Statt von „digitaler Bildung“ sollten wir also präzise von einer „Bildung in und für eine digital geprägte Welt“ sprechen. So wird deutlich, dass es nicht um eine Technisierung von Schule und Bildung geht, sondern um die Befähigung von Schulen, ihre Aufgaben auch in Zukunft erfolgreich zu bewältigen. Dies geht nicht ohne die entsprechende Technik, erfordert aber auch dazu zurücktreten von dieser, um ihre Wirkungen zu reflektieren.

In einer digital geprägten und zunehmend globalisierten Welt sind vielfältige Kompetenzen erforderlich, die über Medienkompetenz weit hinausgehen. Im englischen Sprachraum hat sich hierfür der Begriff der 21st century skills eingebürgert. Schlagworte sind hier u.a.: critical thinking, communication, collaboration und creativity. Diese beziehen sich einerseits auf digitale Medien als Gegenstand, können anderseits mit digitalen Medien aber auch umgesetzt und unterstützt werden. Die Bedeutung von Wissen verändert sich hierbei. Ziel ist nicht mehr einen vorgegebenen Wissenskanon zu beherrschen, sondern zu lernen, Wissen im Bedarfsfall verfügbar zu haben und es dann im jeweiligen Kontext nutzbar zu machen. (Schulisches) Lernen sollte jeden einzelnen in seinen Fähigkeiten fördern und herausfordern und ihn zu kooperativen Arbeitsformen befähigen. In beiden Fällen können digitale Medien unterstützend eingesetzt werden. Besonders Lernende mit besonderen Bedürfnissen können von diesen Unterstützungsfunktionen profitieren.

Die „Digitalisierung“ der Bildung zielt nicht auf eine Technisierung oder Automatisierung von Bildung und Lernen, sondern auf die Befähigung zu einem erfolgreichen Leben und Arbeiten in einer digital geprägten Welt. Dazu sind umfassende Kompetenzen erforderlich, zu deren Erwerb digitale Medien im Lernprozessen einen festen Platz haben sollten. Grundsätzlich geht es aber darum, unser Verständnis von schulischem Lernen zu überdenken und Schule auf aktuelle gesellschaftliche Anforderungen auszurichten.

Schulentwicklung in regionalen Bildungsnetzwerken

Der Professionalisierung der Lehrkräfte kommt in den erforderlichen Entwicklungsprozessen eine besondere Bedeutung zu. Diese bezieht sich aber nicht nur auf die Kenntnisse der einzelnen Lehrkraft, sondern vor allem auf deren professionelle Kooperation in einer Schule. Die Einzelschule ist als zentraler Ort von Veränderungsprozessen anzusehen. Benötigt werden daher keine (zentralen) (top-down) Fortbildungen. Einzelne Schulen müssen bei Entwicklungsprozessen unterstützt und gefördert werden. (Lokale und regionale) Bildungsnetzwerke können solche Entwicklungsprozesse unterstützen. Gute Ansätze gibt es dabei z.B. zum Thema der individuellen Förderung, die Schulentwicklungsforschung hat hierzu wichtige Erkenntnis hervorgebracht. Allerdings wird die Bedeutung der Digitalisierung in beiden Themenfeldern bisher bestenfalls am Rande diskutiert. Die Diskussionen sollten hier zusammengeführt werden.

In den erforderlichen Veränderungsprozessen können die Lehrkräfte, die bereits Erfahrungen mit digitalen Medien erworben haben, eine wichtige Promotorenfunktion in Schulen wahrnehmen. Dazu ist es wichtig, diesen engagierten Lehrkräften Austauschstrukturen zu bieten und Unterstützung zu gewähren.
Andere Lehrkräfte scheuen vor Veränderungsprozessen häufig zurück, weil damit Grundsätze ihrer bisherigen Arbeitsweise massiv in Frage gestellt werden. Aus eigenständig und getrennt arbeitenden Experten, sollen Teamplayer werden. (Vermeintliche) bessere IT-Kenntnisse von Jugendlichen werden als Bedrohung wahrgenommen und führen zur Angst vor einem Autoritätsverlust. Die Öffnung des Klassenzimmers durch das (stets verfügbare) Internet und eine vielfältige technische Ausstattung in der Klasse nährt die Sorge vor einem Kontrollverlust im Klassenzimmer. Ebenso wächst die Angst von Lehrkräften, durch die Verfügbarkeit von Informationen aus dem Internet in ihrer fachlichen Kompetenz in Frage gestellt zu werden.
Diesen (verständlichen und aus der Sozialisation von Lehrkräften erklärlichen) Ängsten kann nicht durch Fortbildungen begegnet werden. Auch hier sind vor allem schulinterne Austausch und Kooperationsstrukturen erforderlich. Schulen müssen gemeinsame Strategien und kollegiale Beratungsstrukturen entwickeln.
Eine Weiterentwicklung der Lehrerausbildung kann zukünftige Lehrkräfte besser auf die neue Situation vorbereiten.

Die Befähigung von Lehrkräften, Unterricht so zu gestalten, dass er Lernende auf ein Leben und Arbeiten in einer digital geprägten Welt vorbereitet, ist ein Prozess, der vor allem in der Einzelschule gestaltet werden muss. Lokale und regionale Netzwerke können diese Entwicklungsprozesse unterstützen. Lehrkräfte, die bereits über eigenständig erworbene Kompetenzen verfügen, können schulinterne Entwicklungsprozesse unterstützen und mitgestalten.

Maßnahmen
  • Anpassung der Curricula für die Lehrausbildung
  • Regionale Bildungsnetzwerke als Unterstützungssystem für Schulentwicklung stärken

Leistungsstarke Infrastrukturen, BYOD als Ergänzung, professioneller Support

Medien müssen im Klassenraum verfügbar sein und situativ eingesetzt werden können. Lernende müssen dabei (auch) selbstgestimmt entscheiden können, wann und wie sie Medien verwenden. Lerninfrastrukturen, in denen eine Vielfalt an Geräten vorhanden ist, können zu unterschiedlichen Lernszenarien, aber auch zur Reflektion über den nutzen einzelner Geräte und Anwendungen anregen. In diesem Kontext können private Geräte von Lernenden (BYOD) schulische Ausstattungen sinnvoll ergänzen und bereichern.
Die schulische (bzw. staatliche) Ausstattung von Lernenden mit persönlichen Geräten erscheint dauerhaft weder sinnvoll noch realistisch. Investitionen sollten sich auf eine gute schulische Infrastruktur (offenes und sicheres WLAN), einen breitbandigen Anschluss an das Internet, Präsentationsmedien und Leihgerätepool für besondere Aufgaben und sozial Schwache konzentrieren. Die professionelle Wartung dieser Infrastruktur durch Fachpersonal in den Schulen ist bisher in Deutschland nicht berücksichtigt worden.
Eine Aufteilung der finanziellen Belastung auf Schulen und Elternhäuser führt dabei insgesamt zu mehr Bildungsgerechtigkeit, weil Lernen mit und über Medien in Schulen so ermöglicht wird und der Erwerb von IT-Kompetenzen weniger stark vom Elternhaus abhängig ist.

Eine durchdachte Lerninfrastruktur in Schulen sollte in Zukunft aus einer Mischung schulischer und privater Geräte in einer leistungsstarken, offenen und sicheren Infrastruktur bestehen, die von professionellen Fachkräften vor Ort gewartet wird. Staat und Eltern übernehmen Verantwortung für die Realisierung und ermöglichen so mehr Bildungsgerechtigkeit.

Maßnahmen
  • Breitbandausbau in Schulen
  • Gesetzliche Grundlagen für sicheren und offenen Internetzugang schafften
  • Nutzung privater Geräte grundsätzlich ermöglichen
  • IT-Personal an Schulen aufbauen

OER als Standard für Bildungsmedien

Medienkonvergenz, die Möglichkeit mit einem Geräte Text, Töne, Bilder und Filme anzusehen und zu produzieren, erweitert didaktische Szenarien ungemein. Das aktuelle Urheberrecht schränkt diese Möglichkeiten wieder ein. Lehrkräfte können eigenständig zusammengestellte Kollektionen von Lernmitteln weder austauschen noch dauerhaft digital verfügbar machen. Wichtiger noch: Lernende können vorhandene Lernmittel nicht in eigene Lernprodukte integrieren und dauerhaft zugänglich machen. Eine Lizenzierung von Lernmittel als OER (Open Educational Resources) und / oder eine grundlegende Anpassung urheberrechtlicher Bestimmungen können hier helfen. Damit digitale OER nachhaltig im schulischen Lernen wirken können, bedarf es des systematischen Aufbaus dieser Ressourcen. Dazu ist eine professionelle Arbeitsteilung zwischen Autoren (Lehrkräften) und Medienproduzenten (Verlagen) erforderlich. Die Geschäftsmodelle, nach denen die Akteure agieren, müssen aber neu gestaltet werden. Zudem helfen Metadatenstandards und ein System vernetzter Verweissystem die Auffindbarkeit von OER zu verbessern.
Die Qualität eines Lernmittels entscheidet sich zukünftig nicht nur an seinem Inhalt, sondern daran, ob die „5 R“ von OER erfüllt sind: Reuse, Revise, Remix, Republish und Retain.

Lernmittel, die (von Lehrenden und Lernenden) wiederverwendet, überarbeitet, neu zusammengestellt und veröffentlich werden können und die ihnen dauerhaft zur Verfügung stehen, stellen eine wichtige Voraussetzung für veränderte Unterrichtsszenarien dar, die a) die Möglichkeiten digitaler Medien ausschöpfen und b) auf einen digitale geprägte Welt vorbereiten. Sie führen aber nicht „automatisch“ zu unterrichtlichen Veränderungen. Bei der Erstellung von Lernmitteln bedarf es einer professionellen Arbeitsteilung. Um die Auffindbarkeit und Wiederverwertung zu gewährleisten müssen informationell offene Ökosysteme geschaffen werden. Über die Qualität von Lernmittel entscheidet ihre Nutzung und Nutzbarkeit im Unterricht.

Maßnahmen
  • Gesetzliche Grundlagen für OER in der Bildung schaffen
  • Über Ausschreibungen und Wettbewerbe OER entwickeln lassen
  • Infrastrukturen schaffen, die OER verfügbar, auffindbar und austauschbar machen.

Schlussbemerkung

Schulen müssen befähigt werden, auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung vieler Lebensbereiche angemessen zu reagieren, um ihrer Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden können. Dies ist nicht nur für den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ wichtig, es gebt noch mehr darum, Jugendlichen eine Perspektive zu eröffnen für ein kreatives, selbstbestimmtes und sicheres Agieren in einer digitale geprägten Welt.

Man mag beklagen, dass das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich hier bisher nur „mittelmäßig“, in manchen Bereichen sogar Schlusslicht ist. Diese Sichtweise lässt aber außer Acht, dass an vielen Schulen, in Kommunen und Bundesländern wichtig Ansätze erkennbar sind. Es erscheint zielführend, diese Ansätze stärker zu unterstützen und hervorzugeben. Es bedarf einer deutlichen Wertschätzung der Arbeit, die an vielen Schulen bereits in die richtige Richtung erfolgt.
Die Digitalisierung der Gesellschaft ist ein unumkehrbarer Prozess. Schulen darauf vorzubereiten eine Notwendigkeit. Über das „Wie“ muss man im Detail sprechen. Der Prozess ist aber zu bedeutsam, um ihn übermäßig zu politisieren. Bund und Länder sollten hier zu einer gemeinsamen Unterstützungsstrategie finden. Kritische Stimmen sind wichtig, sollten sich aber aktiv gestalten einbringen. Unterschiedliche Fachdisziplinen aus der Wissenschaft (z.B. Medienpädagogik und Informatik) haben ihre Berechtigung, aber auch hier sind gemeinsame Strategie wichtig und nicht konkurrierende Interessen.

Die Macht der Bilder

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Irgendwas ist ja immer. Mal ist die Webseite unübersichtlich und die Registrierung eine Tortur. Mal ist das Catering mässig oder die Räumlichkeiten zu klein, zu groß, zu unübersichtlich. Am schlimmsten aber ist es, wenn das Programmkommitee die falschen Leute ausgesucht hat oder die Abstracts mehr versprachen als die Vorträge halten können. Um so erfreulicher, dass von alledem auf die Herbsttagung der Sektion Medienpädagogik der DGfE nichts von alledem zutraf. Ich saß Freitagabend im Zug und war auf dem Weg nach Hause und hatte eine rundum gelungene Tagung hinter mir. Angefangen von der ersten Keynote bis zur Postersession und den letzten Vorträgen. Dem Kerstin Mayerberger und ihrem Team dafür ein großes Lob und herzliches Dankeschön.
Was mich gefreut hat, das die Zuhörer meinen Gedanken zur Verbindung von Medienintegration und Schulentwicklung gefolgt sind und sich entlang dieser Überlegungen eine angeregte Diskussion entwickelt hat, wie Schwerpunktsetzungen bei zukünftigen Ansätzen zur Medieninteration in Schule erfolgen sollten… könnten… müssten.
Im Zug nach Hause kam mir aber noch ein anderer Gedanke, der in den letzten Tagen und Wochen beim Lesen oder Überfliegen des einen oder anderen Artikels in Zeitung und Online-Magazin schon mal am Rande aufgetaucht war. Michael Kerres hatte sich am Beginn der Tagung in seinem Vortrag Gedanken darüber gemacht, wie die Metaphern, die wir Nutzen, um das Lernen mit digitalen Medien zu beschreiben auf unsere Wahrnehmung eben dieses Lernens zurückwirken. Viel Aufmerksamkeit widmete er dabei der Raum-Metapher und zeigte an Bildern, wie die Gestaltung von Räumen Rückschlüsse auf die Didaktik erlaubt, die dem Lernen in diesen Räumen zugrunde liegt. Und hier schließen sich nun meine Gedanken an.
Im Rahmen der „digitalen Agenda“ wird in letzte Zeit auch immer öfter die Digitalisierung der Schule thematisiert – und die entsprechenden Artikel werden bebildert. Das Foto in der Frankfurter Neuen Presse zeigt offentlicht ein altes Archivbild. Aber wir sehen hier Lernen eingekeilt zwischen großen Bildschirmen und Rechnern. Offensichtlich ist jeder einzelne Schüler mit einer ähnliche Aufgabe befasst. In der Augsburger Allgemeinen findet sich ein Bild von zwei Grundschüler mit Tabletts. Die Tabletts dominieren die Bücher, auf denen sie abgestellt sind und die vereinzelt Lerner verschwinden hinter den Bildschirmen. Ein Beitrag in der Welt zeigt Schüler ebenfalls alleine hinter Notebook-Deckeln. Das leuchtenden Logo der Geräte und der abgedunkelte Raum verbreiten eine bedrückende Atmosphäre. Diese wird noch durch den Titel des Artikels betont. Es geht nicht nur um Digitalisierung, sondern um die totale (sic!) Computerisierung. Da scheint dann doch deutlich der Luhmannsche Technologie-Verdacht durch, denke ich.
Anders zwei Artikel (Heise und Spektrum), die eine BYOD-Situation zeigen. Hier sehen wir jeweils Lernende, die gemeinsam auf Smartphones und Tabletts blicken. Mit im Bild in beiden Fällen auch ein Desktop-Rechner. Hier ändert sich die Aussage grundlegend: Mobile Endgeräte verbinden, animieren zum gemeinsamen Arbeiten. Die kleinen Geräte ersetzen dabei die Schulischen Rechner aber nicht, sondern ergänzen die schulische Ausstattung. Hier wird auch sichtbar, dass es bei BYOD nicht um die Art Technologisierung geht, die die anderen Bilder suggerieren und die in der Diskussion um den Computer in der Klasse oft mitschwingt. Es geht nicht um das Abarbeiten von Programmen, das Lernen im durch den Computer vorgegebenen – man mög mir verzeihen – Gleichschritt. Es geht um das gemeinsame Entwickeln von Idee, Kommunikation, Kooperation und Konstruktion. Und da dreht sich die Herausforderung vor der wir stehen wieder: Die totale Computerisierung abzulehnen, kann aus bildungstheoretischer Sicht gut argumentiert werden. Das Wahrnehmung von BYOD, wie es sich in den beiden Bilder darstellt, unterstützt aber eben diese bildungstheoretische Sicht  – und stellt diese Position vor die Herausforderung, ihren Technologieverdacht kritisch zu hinterfragen.

BYOD oder Individuelles Lernen in vielfältigen Lernumgebungen

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Lernifra5Unter dem Schlagwort BYOD – Bring your own device hat das Projekt School IT Rhein Waal, an dem ich in den letzten 2 1/2 Jahren intensiv gearbeitet habe, einige Sichtbarkeit erlangt und Interesse hervorgerufen. Dazu gehört auch, dass es in der Transferphase nicht nur Einzelschulen waren, die Interesse gezeigt haben, sondern oft Kommunen, die hier neue Lösungen für Lerninfrastrukturen an ihren Schulen kennen lernen wollten.

Mit der Fachtagung „Individuelles Lernen in vielfältigen Lernumgebungen“ am 25.9.2014 hat nun die Schlussphase des Projektes begonnen. Ca. 170 Interessierte waren in das neuen Audimax am Campus Duisburg gekommen, um erst im Plenumsteil nicht nur in unser Projekt zu schauen, sondern auch Einblicke in anderen Projekte zu nehmen, die sich ebenfalls mit den Möglichkeiten von Tablets und Smartphones im Unterricht beschäftigt haben. Am Nachmittag standen in den Workshops dann die Erfahrungen der Projektschulen in Moers und Xanten und von Transfer-Schulen und -Kommunen im Mittelpunkt. Die Veranstaltung ist hier dokumentiert und hier ist ein Teil des Medienechos zusammengefasst.

Wir haben insgesamt versucht deutlich zu machen: Im Projekt ging es zwar auch darum, eine WLAN-Infrastruktur zu schaffen, die das Einbinden privater Geräte erlaubt. Wichtiger aber war es, in den Schulen Strategien zu entwicklen, wie mit einer heterogenen Vielfalt an Geräten im Unterricht gut gearbeitet werden kann. Dabei wurde in den Projektschulen auch deutlich: BYOD ist immer nur eine Ergänzung zur schulischen Ausstattung, kann dabei aber der entscheidende Baustein sein, um digitale Medien im Klassenraum zu verankern. Zudem wurde deutlich: Genauso wie andere technische Konzepte hat auch BYOD das Potential Lehrer zu untersützten einen schülerzentrierteren, projektorientierteren und an individuellen Bedürfnissen ausgerichteten Unterricht zu gestalten. Automatisch passiert das aber nicht. Vielmehr mussten sich die Projektteams in den Schulen zunächst darauf verständigen, wie sie den Unterricht in den Projektklassen gestalten wollen, dann konnten Smartphones und Tablets als Werkzeuge in Schülerhand auch einen Beitrag leisten.

Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen und Monaten in den beiden deutschen Pilotschulen passiert. Pläne zur Weiterentwicklung haben beide. Noch mehr bin ich aber gespannt, wie sich die Idee weiterverbreitet und verbreiten lässt. Auch hier gilt wohl: Ein Selbstläufer ist das zunächst nicht, sondern erfordert Unterstützung und Vernetzung der Schulen und Kommunen.

Ein sehr erfreulicher Nebeneffekt der Fachtagung: Wir konnten so die vor vier Jahren in Duisburg begonnene Reihe der Workshops „Lerninfrastruktur an Schulen“ vorsetzen. Damals in Duisburg haben wir als Workshop im Rahmen der DeLFI 2010 mit vielleicht 20 Personen zusammengesessen und diskutiert. Weitere Stationen waren dann die DeFLI in Dresden und Hagen und die GMW in Frankfurt. Glücklich waren wir mit der Lösung nie wirklich. Die DeLFI war eine gute Heimat für den Workshop, aber als Konferenz der GI  zog sie vor allem Informatiker an. Die GMW wiederrum ist eher auf den Hochschulbereich ausgerichtet. Dazu kommt: Für Lehrkräfte ist das Format ungewohnt. In diesem Jahr haben wir den Workshop dann als eigenständige Verstaltung im Kontext eines Projektes gemacht. Damit haben wir dann tatsächlich Lehrkräfte in großer Zahl erreicht und auch der Wissenschaft Raum gegeben. Ich bin gespannt, ob wir das so als Format weiteführen können.

 

Mein erstes Mal – oder von revolutionären Sprüngen und permanentem Wandel

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So, nun war ich also auch mal auf einem Educamp. Und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Spannend war es. Ich habe in zwei Tagen eine Menge Eindrücke gesammelt, die in Ruhe überdacht sein wollen. Ich habe mich gefragt, wieso z.B. Lehrerfortbildung oder auch mal Unterricht nicht so (un-)organisiert werden können. Wenn ich am Ende des Tages in einem Satz zusammenfassen müsste, was das besondere an der Lernsituation „Educamp“ für mich ist, dann würde ich sagen: Da wird den Leuten zugetraut, die Zeit, den Raum zum Lernen zu nutzen. Da wird darauf vertraut, dass da Leute sind, die etwas lernen wollen.

Mandy und ich haben eine Session zum Thema „Bring your own device“ angeboten. Eine ausführliche Auswertung und Dokumentation (auch als Audiomitschnitt – Danke an Tim) folgen. Überrascht war ich, welch großen Anklang die Session gefunden hat. Der Saal war voll, die Diskussion war angeregt und wir haben in einer dreiviertel Stunde viele, viele wichtige Aspekte des Themas angeschnitten. Zu Ende diskutieren ließ sich da leider wenig, aber wir sind optimistisch, dass sich die Diskussion zumindest mit einem Teil der Leute auch online fortsetzen lässt.

Auf einen kleinen Aspekt möchte ich aber im Vorgriff auf die Zusammenfassung hier schon eingehen: Ausgehend von der Aussage eines Teilnehmers, die „alten“ 1:1-Klassen, in denen Schüler mit standardisierten, über die Schule administrierten Endgeräten arbeiten, seien nur eine Zwischenstation, kam die Frage auf, was denn dann das „Ziel“ sei. Oder ob man sich nicht eigentlich eingestehen müsse: Das einzig beständige sei der Wandel. Das wiederum rief Widerspruch hervor: Wenn es nur einen permanenten Wandel gibt, dann gäbe es keine revolutionären Sprünge mehr und die seien für große Entwicklungen nun einmal wichtig.

Und da sind wir mitten drin ein einem Dilemma. Schule sehnt sich nach Kontinuität, nach Stabilität, die sie immer weniger „bekommt“. Allein zu akzeptieren, dass der Wandel konstant und stabil ist, ist das schon eine Herausforderung. An revolutionäre Sprünge scheint da kein Denken zu sein. Andererseits: Die, die Notwendigkeit von Veränderungen sehen, wollen diese auch umgehend und radikal. Und sei es auch nur, um sich selbst mit der eigenen Revolution identifizieren und vom „Alten“ abheben zu können.

Ich selbst hänge ja auch eher an der Idee des langsamen, aber stetigen Wandels, der nicht einfach so und von alleine kommt, sondern auch gestaltet und vorangetrieben werden will. Sehr versöhnlich fand ich aber den sehr berechtigten Hinweis: Ob etwas eine Revolution war oder nicht. Das lässt sich wohl immer erst im historisch einordnenden Rückblick sagen.

In diesem Sinne: Die Session war für uns ein wichtiger Ansporn, dass wir (z.B. mit School IT Rhein Waal) den richten Weg eingeschlagen haben. Sie hat uns sehr lebhaft gezeigt, dass da Leute sind, die die Idee zu einer Bewegung machen können – vor allem, wenn es gelingt, sie über die einzelnen Schulen hinaus in Dialog zu bringen. Der Rest ist dann irgendwann Geschichte.

Und nochmals: Vielen Dank an alle für’s Mitdiskutieren. Es hat mich sehr gefreut ein paar alte Bekannte wieder zu sehn und zu so manchem Namen nun auch eine Stimme und ein Gesicht und ein begeistertes Leuchten in den Augen zu haben.

Nachtrag: Mandys ausführliche Zusammenfassung zur Session und der Audiomitschnitt der Session von Tim. (Danke!)

Polynesisches Segeln

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Während die Weltöffentlichkeit – zumindest der Teil, der sich für das Lehren und Lernen mit digitalen Medien interessiert – am vergangenen Donnerstag nach New York schaute, ging ein anderes Ereignis eher unbemerkt vonstatten. Doch für die, die dabei waren, war am Ende des Tages klar: Wir haben uns da auf eine spannende Reise gemacht. Und die Ereignisse in New York werden dabei sicher eine Rolle spielen.

Über Apples Initiative haben bereits Viele geschrieben. Besonders gefallen hat mit die Zusammenfassung von Beat. In der Tat könnte die Initiative dem Lehren und Lernen mit digitalen Medien einen Schub geben. Aber es gibt auch ein paar Fragen, die mir bisher wenig beantwortet wurden:

  1. Es ist ja toll, dass mit ibook Author jetzt multimediale Lerninhalte „ganz einfach“ erstellt werden können. Aber Lerneinheiten mit eingebundenen Videos, Animationen, Simulationen, die gibt es schon. Hier oder hier, etwa. Es mag ja einfacher sein, die Elemente zu einem Buch zusammenzustellen. Aber die Arbeit, die Animation zu planen und zu gestalten bleibt… und sie bleibt aufwendig.
  2. Aus Apples Sicht mag es ausreichen, das Schulbuch zu digitalisieren und den Verkauf über den eigenen Shop zu kanalisieren. Betriebswirtschaftlich kann das wahrscheinlich ein guter Wurf sein. Aber ist die Vision vom neuen Lernen mit Medien wirklich die, dass Schüler in multimedialen Büchern blättern? Die kommunizierte Idee: Der Lehrer (am MacBook) produziert Lehrinhalte, die der Schüler am ipad konsumiert. OK… aber da geht mehr, oder? Dann braucht aber auch der Schüler in MacBook. Das wird teuer.

Beim Kick off zum Projekt School IT Rhein Waal, über das Mandy bereits berichtet hat, haben wir etwas anderes beschlossen –  und mich hat es sehr gefreut, dass die vier im Projekt versammelten Schulen gemeinsam diesen, wie ich finde, radikalen Schritt gewagt haben. Wir werden in den Schulen Pilotklassen einrichten, in denen jedes Kind sein eigenes privates Gerät mitbringen darf und soll. Egal, ob das ein Netbook ist, ein Laptop, ein Tablet oder ein Smartphone. So, werden in diesen Klassen Geräte vorhanden sein, mit denen man Filme drehen kann, andere eigenen sich gut für das Erstellen von Texten und Grafiken, wieder andere sind als schnelle Zugänge zum Internet für kurze Recherchen geeignet und mit allen kann man auf online kommunizieren.

Die Frage war einen kleinen Moment, ob es im Projekt heißen würde: Bring your own tablet  der Marke x. Oder: Bring your own netbook with min. 10 Zoll-Screen und einem Betreibssystem, das in der Lage ist eine Officesoftware aus dem Hause Y zu starten.

Aber, so war dann doch der Konsens: Spannend wird es erst, wenn wir in die Rücksäcke der Schüler schauen, wenn wir schauen, welche Geräte dort sind und wie sie im Unterricht in unterschiedlicher Weise zum Einsatz kommen können. Sicher werden sich da manche Geräte als geeigneter erweisen als andere. Manche werden eine Nische finden, für die sie genutzt werden können. Aber dieses Vorgehen, so die einhellige Meinung, bringt auch die Offenheit, neue technische Innovationen nicht als „Gegner“ des bisher erreichten zu sehen, sondern als weitere Bereicherung und Möglichkeit. Und wenn sich Lehrer und Schüler auf die Heterogenität einlassen können, dann lassen sie sich auch einfach auf die Entwicklungen ein, die wir im Alltag erleben.

Die Reise ist spannend, denn wir kennen das Ziel nicht. Jedes Ziel, dass wir als konkreten Fixpunkt jetzt definieren könnten, wäre nur ein Ziel, das sich aus dem in der Vergangenheit erreichten definieren lässt. Die Klassen im Projekt werden sich auf den Weg machen, neue Ziele zu entdecken. So, wie einst in Polynesien gesegelt wurde.

 

Bring deinen eigenen Computer mit

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Mit Jahresbeginn startet offiziell das Projekt „School IT Rhein Waal“. Dazu gab es schon ein paar Meldungen (hier von der Euregio, hier und hier von der Uni). Das Projekt hat ein paar spannenden Aspekte.

1) IT-Assistenten
Immer wieder wird betont, dass Schülerinnen und Schüler ihren Lehrkräften im Umgang mit digitalen Medien um Längen voraus sind. Häufig wird dies aber als Hemmnis für den unterrichtlichen Einsatz gesehen, weil es die Lehrkräfte verunsichert. Wir wollen im Projekt aber das Potential Nutzen, das darin steckt und ausgewählte Jugendlichen bewusst als IT-Assistenten einsetzen, die sowohl ihre Lehrer als auch ihre Mitschüler vor allem bei technischen Fragen zum Einsatz digitaler Medien behilflich sein können. Damit sie diesen Aufgaben gewachsen sind, erhalten die Schüler eine Ausbildung, die auch Aspekte des Jugendmedienschutzes berücksichtigt und die die Schulen in Zusammenarbeit mit regionalen IT-Unternehmen gestalten.

2) Projektseminare
Eine wichtige Motivation der euregio das Projekt zu unterstützen, ist der Bedarf der Unternehmen in der Region an jungen Nachwuchskräften, die das nötige Rüstzeug mitbringen, in einem von IT durchdrungenen Arbeitsalltag zu bestehen. Daher werden im Projekt „Projektseminare“ durchgeführt, in denen ganze Klasse Projektaufgaben bewältigen, die die Lehrer zusammen mit Mitarbeitern aus IT-Unternehmen entwickeln. Die Schüler können dann bei der Bearbeitung auch auf die Unterstützung der Mitarbeiter bauen.

3) Niederländisch-deutscher Austausch
In einem ersten Schritt arbeiten im Projekt 2 niederländische und 2 deutsche Schulen mit. Schon in der Phase der Projektentwicklung hat sich gezeigt, wie unterschiedliche die Stand der Medienintegration in beiden Ländern ist und wie hoch das Potential ist, voneinander lernen zu können.

4) Bring deinen eigenen Computer mit (BYOD: Bring your own device)
Der letzte Aspekt ist derjenige, der mir persönlich besonders wichtig ist. Wir verzichten im Projekt bewusst auf eine technische Ausstattung der Schüler mit Endgeräten. Projektmaßnahmen beziehen sich auf die Entwicklung einer technischen Infrastruktur, die es den Schüler erlaubt, ihre eigenen Geräte mitzubringen, d.h. die Geräte, über die schon heute verfügen.

Die Chancen, die wir darin sehen:

  • Jede Schülergeneration wird auch ihre eigenen Geräte mitbringen. Die Schulen finden einen Weg aus der „Ausstattungsfalle“.
  • Die Schüler arbeiten mit den Geräte, die sie auch privat Nutzen, d.h. die ihnen vertraut sind und für die sie sich verantwortlich fühlen.
  • Schüler und Lehrer erleben ein Vielfalt von Geräten und Plattformen und lernen mit dieser Vielfalt umzugehen.
  • Letztlich: Wenn jeder Schüler sein eigenes Geräte mitbringen und nutzen kann, können die Geräte auch wirklich immer dann eingesetzt werden, wenn es sinnvoll und gewünscht ist.

Aber auch Herausforderungen sind mit diesem Ansatz verbunden:

  • Überfordert die Heterogenität der Ausstattung die Lehrkräfte?
  • Überfordert die Heterogenität der Technik, die Infrastruktur in der Schule?
  • Haben wirklich alle Schüler eigene Geräte und wie werden soziale Ungleichheiten ausgeglichen?

Zum Teil gilt in den Projektschulen jetzt noch ein Handyverbot. Der Schritt von diesem Verbot zur Aufforderung, Handys, Smartphones, Netbooks, Tablets und Notebooks mitzubringen und zu nutzen ist ein großer. Aber ob die Schulen, das wollen oder nicht: Diese Geräte werden sich immer mehr in den Schultaschen der Jugendlichen finden. Wir wollen im Projekt aktiv gestalten, damit umzugehen und die Chancen zu nutzen.

Ich bin gespannt und werde hier berichten.