Mein erstes Mal – oder von revolutionären Sprüngen und permanentem Wandel

So, nun war ich also auch mal auf einem Educamp. Und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Spannend war es. Ich habe in zwei Tagen eine Menge Eindrücke gesammelt, die in Ruhe überdacht sein wollen. Ich habe mich gefragt, wieso z.B. Lehrerfortbildung oder auch mal Unterricht nicht so (un-)organisiert werden können. Wenn ich am Ende des Tages in einem Satz zusammenfassen müsste, was das besondere an der Lernsituation „Educamp“ für mich ist, dann würde ich sagen: Da wird den Leuten zugetraut, die Zeit, den Raum zum Lernen zu nutzen. Da wird darauf vertraut, dass da Leute sind, die etwas lernen wollen.

Mandy und ich haben eine Session zum Thema „Bring your own device“ angeboten. Eine ausführliche Auswertung und Dokumentation (auch als Audiomitschnitt – Danke an Tim) folgen. Überrascht war ich, welch großen Anklang die Session gefunden hat. Der Saal war voll, die Diskussion war angeregt und wir haben in einer dreiviertel Stunde viele, viele wichtige Aspekte des Themas angeschnitten. Zu Ende diskutieren ließ sich da leider wenig, aber wir sind optimistisch, dass sich die Diskussion zumindest mit einem Teil der Leute auch online fortsetzen lässt.

Auf einen kleinen Aspekt möchte ich aber im Vorgriff auf die Zusammenfassung hier schon eingehen: Ausgehend von der Aussage eines Teilnehmers, die „alten“ 1:1-Klassen, in denen Schüler mit standardisierten, über die Schule administrierten Endgeräten arbeiten, seien nur eine Zwischenstation, kam die Frage auf, was denn dann das „Ziel“ sei. Oder ob man sich nicht eigentlich eingestehen müsse: Das einzig beständige sei der Wandel. Das wiederum rief Widerspruch hervor: Wenn es nur einen permanenten Wandel gibt, dann gäbe es keine revolutionären Sprünge mehr und die seien für große Entwicklungen nun einmal wichtig.

Und da sind wir mitten drin ein einem Dilemma. Schule sehnt sich nach Kontinuität, nach Stabilität, die sie immer weniger „bekommt“. Allein zu akzeptieren, dass der Wandel konstant und stabil ist, ist das schon eine Herausforderung. An revolutionäre Sprünge scheint da kein Denken zu sein. Andererseits: Die, die Notwendigkeit von Veränderungen sehen, wollen diese auch umgehend und radikal. Und sei es auch nur, um sich selbst mit der eigenen Revolution identifizieren und vom „Alten“ abheben zu können.

Ich selbst hänge ja auch eher an der Idee des langsamen, aber stetigen Wandels, der nicht einfach so und von alleine kommt, sondern auch gestaltet und vorangetrieben werden will. Sehr versöhnlich fand ich aber den sehr berechtigten Hinweis: Ob etwas eine Revolution war oder nicht. Das lässt sich wohl immer erst im historisch einordnenden Rückblick sagen.

In diesem Sinne: Die Session war für uns ein wichtiger Ansporn, dass wir (z.B. mit School IT Rhein Waal) den richten Weg eingeschlagen haben. Sie hat uns sehr lebhaft gezeigt, dass da Leute sind, die die Idee zu einer Bewegung machen können – vor allem, wenn es gelingt, sie über die einzelnen Schulen hinaus in Dialog zu bringen. Der Rest ist dann irgendwann Geschichte.

Und nochmals: Vielen Dank an alle für’s Mitdiskutieren. Es hat mich sehr gefreut ein paar alte Bekannte wieder zu sehn und zu so manchem Namen nun auch eine Stimme und ein Gesicht und ein begeistertes Leuchten in den Augen zu haben.

Nachtrag: Mandys ausführliche Zusammenfassung zur Session und der Audiomitschnitt der Session von Tim. (Danke!)

Polynesisches Segeln

Während die Weltöffentlichkeit – zumindest der Teil, der sich für das Lehren und Lernen mit digitalen Medien interessiert – am vergangenen Donnerstag nach New York schaute, ging ein anderes Ereignis eher unbemerkt vonstatten. Doch für die, die dabei waren, war am Ende des Tages klar: Wir haben uns da auf eine spannende Reise gemacht. Und die Ereignisse in New York werden dabei sicher eine Rolle spielen.

Über Apples Initiative haben bereits Viele geschrieben. Besonders gefallen hat mit die Zusammenfassung von Beat. In der Tat könnte die Initiative dem Lehren und Lernen mit digitalen Medien einen Schub geben. Aber es gibt auch ein paar Fragen, die mir bisher wenig beantwortet wurden:

  1. Es ist ja toll, dass mit ibook Author jetzt multimediale Lerninhalte “ganz einfach” erstellt werden können. Aber Lerneinheiten mit eingebundenen Videos, Animationen, Simulationen, die gibt es schon. Hier oder hier, etwa. Es mag ja einfacher sein, die Elemente zu einem Buch zusammenzustellen. Aber die Arbeit, die Animation zu planen und zu gestalten bleibt… und sie bleibt aufwendig.
  2. Aus Apples Sicht mag es ausreichen, das Schulbuch zu digitalisieren und den Verkauf über den eigenen Shop zu kanalisieren. Betriebswirtschaftlich kann das wahrscheinlich ein guter Wurf sein. Aber ist die Vision vom neuen Lernen mit Medien wirklich die, dass Schüler in multimedialen Büchern blättern? Die kommunizierte Idee: Der Lehrer (am MacBook) produziert Lehrinhalte, die der Schüler am ipad konsumiert. OK… aber da geht mehr, oder? Dann braucht aber auch der Schüler in MacBook. Das wird teuer.

Beim Kick off zum Projekt School IT Rhein Waal, über das Mandy bereits berichtet hat, haben wir etwas anderes beschlossen –  und mich hat es sehr gefreut, dass die vier im Projekt versammelten Schulen gemeinsam diesen, wie ich finde, radikalen Schritt gewagt haben. Wir werden in den Schulen Pilotklassen einrichten, in denen jedes Kind sein eigenes privates Gerät mitbringen darf und soll. Egal, ob das ein Netbook ist, ein Laptop, ein Tablet oder ein Smartphone. So, werden in diesen Klassen Geräte vorhanden sein, mit denen man Filme drehen kann, andere eigenen sich gut für das Erstellen von Texten und Grafiken, wieder andere sind als schnelle Zugänge zum Internet für kurze Recherchen geeignet und mit allen kann man auf online kommunizieren.

Die Frage war einen kleinen Moment, ob es im Projekt heißen würde: Bring your own tablet  der Marke x. Oder: Bring your own netbook with min. 10 Zoll-Screen und einem Betreibssystem, das in der Lage ist eine Officesoftware aus dem Hause Y zu starten.

Aber, so war dann doch der Konsens: Spannend wird es erst, wenn wir in die Rücksäcke der Schüler schauen, wenn wir schauen, welche Geräte dort sind und wie sie im Unterricht in unterschiedlicher Weise zum Einsatz kommen können. Sicher werden sich da manche Geräte als geeigneter erweisen als andere. Manche werden eine Nische finden, für die sie genutzt werden können. Aber dieses Vorgehen, so die einhellige Meinung, bringt auch die Offenheit, neue technische Innovationen nicht als “Gegner” des bisher erreichten zu sehen, sondern als weitere Bereicherung und Möglichkeit. Und wenn sich Lehrer und Schüler auf die Heterogenität einlassen können, dann lassen sie sich auch einfach auf die Entwicklungen ein, die wir im Alltag erleben.

Die Reise ist spannend, denn wir kennen das Ziel nicht. Jedes Ziel, dass wir als konkreten Fixpunkt jetzt definieren könnten, wäre nur ein Ziel, das sich aus dem in der Vergangenheit erreichten definieren lässt. Die Klassen im Projekt werden sich auf den Weg machen, neue Ziele zu entdecken. So, wie einst in Polynesien gesegelt wurde.

 

Bring deinen eigenen Computer mit

Mit Jahresbeginn startet offiziell das Projekt “School IT Rhein Waal”. Dazu gab es schon ein paar Meldungen (hier von der Euregio, hier und hier von der Uni). Das Projekt hat ein paar spannenden Aspekte.

1) IT-Assistenten
Immer wieder wird betont, dass Schülerinnen und Schüler ihren Lehrkräften im Umgang mit digitalen Medien um Längen voraus sind. Häufig wird dies aber als Hemmnis für den unterrichtlichen Einsatz gesehen, weil es die Lehrkräfte verunsichert. Wir wollen im Projekt aber das Potential Nutzen, das darin steckt und ausgewählte Jugendlichen bewusst als IT-Assistenten einsetzen, die sowohl ihre Lehrer als auch ihre Mitschüler vor allem bei technischen Fragen zum Einsatz digitaler Medien behilflich sein können. Damit sie diesen Aufgaben gewachsen sind, erhalten die Schüler eine Ausbildung, die auch Aspekte des Jugendmedienschutzes berücksichtigt und die die Schulen in Zusammenarbeit mit regionalen IT-Unternehmen gestalten.

2) Projektseminare
Eine wichtige Motivation der euregio das Projekt zu unterstützen, ist der Bedarf der Unternehmen in der Region an jungen Nachwuchskräften, die das nötige Rüstzeug mitbringen, in einem von IT durchdrungenen Arbeitsalltag zu bestehen. Daher werden im Projekt “Projektseminare” durchgeführt, in denen ganze Klasse Projektaufgaben bewältigen, die die Lehrer zusammen mit Mitarbeitern aus IT-Unternehmen entwickeln. Die Schüler können dann bei der Bearbeitung auch auf die Unterstützung der Mitarbeiter bauen.

3) Niederländisch-deutscher Austausch
In einem ersten Schritt arbeiten im Projekt 2 niederländische und 2 deutsche Schulen mit. Schon in der Phase der Projektentwicklung hat sich gezeigt, wie unterschiedliche die Stand der Medienintegration in beiden Ländern ist und wie hoch das Potential ist, voneinander lernen zu können.

4) Bring deinen eigenen Computer mit (BYOD: Bring your own device)
Der letzte Aspekt ist derjenige, der mir persönlich besonders wichtig ist. Wir verzichten im Projekt bewusst auf eine technische Ausstattung der Schüler mit Endgeräten. Projektmaßnahmen beziehen sich auf die Entwicklung einer technischen Infrastruktur, die es den Schüler erlaubt, ihre eigenen Geräte mitzubringen, d.h. die Geräte, über die schon heute verfügen.

Die Chancen, die wir darin sehen:

  • Jede Schülergeneration wird auch ihre eigenen Geräte mitbringen. Die Schulen finden einen Weg aus der “Ausstattungsfalle”.
  • Die Schüler arbeiten mit den Geräte, die sie auch privat Nutzen, d.h. die ihnen vertraut sind und für die sie sich verantwortlich fühlen.
  • Schüler und Lehrer erleben ein Vielfalt von Geräten und Plattformen und lernen mit dieser Vielfalt umzugehen.
  • Letztlich: Wenn jeder Schüler sein eigenes Geräte mitbringen und nutzen kann, können die Geräte auch wirklich immer dann eingesetzt werden, wenn es sinnvoll und gewünscht ist.

Aber auch Herausforderungen sind mit diesem Ansatz verbunden:

  • Überfordert die Heterogenität der Ausstattung die Lehrkräfte?
  • Überfordert die Heterogenität der Technik, die Infrastruktur in der Schule?
  • Haben wirklich alle Schüler eigene Geräte und wie werden soziale Ungleichheiten ausgeglichen?

Zum Teil gilt in den Projektschulen jetzt noch ein Handyverbot. Der Schritt von diesem Verbot zur Aufforderung, Handys, Smartphones, Netbooks, Tablets und Notebooks mitzubringen und zu nutzen ist ein großer. Aber ob die Schulen, das wollen oder nicht: Diese Geräte werden sich immer mehr in den Schultaschen der Jugendlichen finden. Wir wollen im Projekt aktiv gestalten, damit umzugehen und die Chancen zu nutzen.

Ich bin gespannt und werde hier berichten.