Ein Begriff, den ich nicht mag, der aber die Diskussion um #DigitaleBildung verändern kann

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On the road againKurz vor Weihnachten habe ich auf einer kleinen, feinen Veranstaltung zum ersten mal einen Begriff gebraucht, den ich auch gestern wieder verwendet habe. Wieder auf einer kleinen, feinen Veranstaltung, die wieder nicht öffentlich war.
Ich mag diesen Begriff nicht und das hat Gründe: Er ist zu englisch und er weckt bei vielen unangenehme Gefühle, weil ein sehr ähnlicher Begriff seit Jahren in der öffentlichen Debatte steht.

So, jetzt aber mit der Katze aus dem Sack: Ich habe zweimal von „Digital Mainstreaming“ gesprochen.

Zunächst das Hauptargument, das dagegen spricht: Gerade im Bildungsbereich verdrehen immer wieder Leute die Augen, wenn von Gender Mainstreaming die Rede ist. Dieser Begriff steht dabei für eine bis heute ungelöste Aufgabe, die vielen unter diesem Label auch unbequem ist. Aber: Die Aufgabe des Gender Mainstreaming ist wichtig. Es geht dabei nicht nur um Sprachregelungen und wenn wir bei dieser Aufgabe als Gesellschaft weiter wären, dann wäre es vielleicht auch nicht zu den Ereignissen gekommen, die in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof stattgefunden haben. Ereignisse, die mir als Kölner die Schames- und Wutröte ins Gesicht treiben und mir Sorgen bereiten, wenn meine beiden Teenager alleine in der Stadt unterwegs sind. Es geht bei den Übergriffen nicht darum, wie sich „Menschen mit Migrationshintergrund“ verhalten, sondern darum, wie Männer mit Frauen umgehen.

Sieht man es als ungelöste Aufgabe, dann ist die Analogie zwischen Gender und Digital Mainstreaming vielleicht gar nicht so falsch.

Was aber meine ich, wenn ich von „Digital Mainstreaming“ spreche?

Ich glaube, wir denken das Thema Digitalisierung in Bildung (sprich: Schule) oft noch zu klein. Wir sprechend davon, dass wir Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz vermitteln müssen und dass wir, „wenn es didaktisch sinnvoll“ ist digitale „oder auch andere“ Medien in Lernprozessen einbauen können. Mit den beiden Einschüben „didaktisch sinnvoll“ und „auch andere“ eröffnen uns und anderen immer wieder Hintertüren zu sagen: In diesem Jahr was das einfach nirgendwo didaktisch sinnvoll und ich habe ja andere Medien verwendet.

Digital Mainstreaming meint einen Perspektivwechsel. In gewisser Weise ist die Zeit vorbei, in der es sinnvoll und / oder ausreichend war, immer wieder tolle Beispiele zu zeigen, um die Potentiale digitaler Medien zu belegen und Akteure auf allen Ebenen aufzufordern, diesen Beispielen zu folgen. Wir müssen vielmehr konsequent überlegen, wie lässt sich eine bestimmte Aufgabe digital lösen.

Eine Anekdote: Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich „im ländlichen Raum“ an einer Schule, die auch Notebook-Klassen hat. Ich besuche eine Stunde in einer Notebook-Klasse. Fünf Reihen Tische hintereinander. Beamer an der Decke. Whiteboard. Stahlschränke zum Wegschließen und Aufladen der Notebooks. Ansonsten ein Klassenzimmer wie 100.000 andere auch. An den Inhalt der Stunde erinnere ich mich nicht, aber auf dem Weg zurück ins Lehrerzimmer werfe ich einen Blick in eine andere Klasse. Dort: Tische zu in Gruppen. Regale voller Bücher. Lernplackte an den Wänden.
Ich schaue verwundert und Frage die mich begleitende Schulleiterin, wie das sein kann. Antwort: Naja, wir waren gerade in der Medienklasse. Hier das ist die Klasse für individuelle Förderung.

Und genau da liegt das Problem. Wir denken zu sehr in Sparten. Die Aufgabe für dieses Jahr muss nicht lauten, mehr digitale Bildung. Vielmehr müssen wir immer die Frage stellen, wie wir das, was wir gerade vorhaben auch mit digitalen Medien machen können. Also: Die Arbeit in der Willkommensklasse für Flüchtlinge: Wie können digitale Medien helfen? Die Unterstützung von Kindern mit besonderen Bedarfen: Wie können digitale Medien da helfen? Die Vorbereitung der Klassenfahrt und die Abstimmung darüber mit den Eltern. Wie kann das digital reibungsloser gehen? Jedes beliebige Thema im Fachunterricht. Feedback an die Lernenden? Und und und

Es geht um die Erkenntnis, dass wir aufhören müssen, #DigitaleBildung alles nettes Addon für Technik-begeisterte zu sehen, sondern verstehen müssen, dass nur eine Schule die „digital“ konsquent zu Ende denkt, ihre Aufgaben jetzt und in Zukunft gut machen kann. Und das heißt nicht nur über Ausstattung und Arbeit an Rechnern zu sprechen, sondern auch darüber, wie ich Fortbildungen im Kollegium anders gestalten kann und wie ich die Diskussion über „guten“ Unterricht in der Schule anders führen muss. Wenn wir als Anforderungen an Jugendliche immer wieder postulieren, sie müssen kooperativ und vernetzt arbeiten, dann muss das auch zum transparenten Prinzip in Schulen werden. Auch „unplugged“.

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