Sketchnote von @legereaude

Worüber wir reden (sollten), wenn wir von digitaler Bildung reden

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Heute durfte ich auf der Fachtagung der SPD-Fraktion einen kleinen Einführungsimpuls geben. Die Gedanken, die ich dort vorgetragen habe, möchte ich hier kurz zusammenfassen – und hoffe, sie dürfen sich in die Reihe der Beiträge zu Christian Ebels Blogparade einreihen.

Wir reden schon lange über digitale Bildung – und doch kann man den Eindruck gewinnen, als stünden wir noch ganz am Anfang, als wäre immer noch viel Aufbruch und wenig erreicht. Vielleicht liegt das daran, dass wir immer wieder auf die Versprechungen digitaler Medien schauen, immer wieder die Potentiale in den Vordergrund stellen, immer wieder die neuste technische Errungenschaft als Startpunkt ausrufen – und einige wichtige Punkte aus den Augen verlieren, an denen wir arbeiten müssten, damit aus einem permanten Erproben und Ausprobieren ein systematisches Einführen und nachhaltiges Verankern wird.

Aus meiner Sicht war PISA ein „schwarzer Montag“ für die digitale Bildung in Deutschland. Denn anders als in anderen Ländern, in denen die Analyse der PISA-Ergebnisse dazu geführt hat, dass man überlegt hat, wie sich Pädagogik auch mit Hilfe von IT verändern muss, um Schulen besser zu machen, war die Reaktion in Deutschland – vereinfacht gesagt: Wir müssen in PISA besser werden und wenn wir das geschafft haben, machen wir wieder was mit Computern. Das sich etwa zu der Zeit auch der Bund aus den gemeinsamen Aktivitäten von Bund, Ländern und Wirtschaft zurückziehen musste, war dabei nicht förderlich. Jetzt, als Reaktion auf ICILS, laufen wir Gefahr, den gleichen erneut zu machen. Wir fragen: Was müssen wir tun, damit wir bei ICILS besser werden? Was müssen wir tun, damit die Medienkompetemz unserer Jugendlichen besser wird? Dabei verkennen wir: PISA ging und geht es nicht darum, ob Kinder besser rechnen, schreiben und lesen, genausowenig geht es bei ICILS darum, wie gut sie am Computer sind. In beiden Studien geht es darum, wie gut unser Bildungssystem die Lernenden auf das Leben in der jeweiligen Gesellschaft vorbreitet. Und wenn wir dieses Frag ernst nehmen, dann wird klar, dass es nicht um Medienbildung versus ITG versus Pflichtinformatik geht, sondern darum, wie wir IT für das Lernen in allen Bereichen von Schule nutzbar machen und wie IT den erforderlichen Wandel von Schulen unterstützten kann. Dann ist IT, dann ist digital Bildung keine Zusatzaufgabe mehr, der man sich – zu allem anderen Übel – auch noch widmen muss, sondern dann stellt sich die Frage, wie IT, wie digitale Bildung Schulen unterstützen kann, Inklusion besser zu machen, individuelle Förderung besser zu realisieren, längeres gemeinsames Lernen besser zu organisieren und wie die Aufgaben alle heißen.

Wir waren immer wieder erfreut, wenn eine Bildungsministerin versprochen hat, jedem Kind ein Notebook oder Tablett zu geben. Eingelöst hat keine Ministerin dieses Versprechen. Schlimmer noch, seit 2006 hat sich am Verhältnis Schüler : Rechner nichts geändert. Immer noch teilen sich bei uns mehr als 11 Schüler einen schulischen Rechner. Nur ein Beispiel zum Vergleich: In Norwegen hat sich das Verhältnis in etwas diesem Zeitraum von 5,5 Schülern auf 2,4 Schüler verbessert. Mit einen einfachen Trick könnten wir das diesem Ausstattungsdilemma finden und dabei auch einiges tun, um Veränderungen an Schulen zu unterstützen. Wir müssten lediglich die Geräte, die die Jugendlichen bereits heute mit in die Schule bringen auch zum lernen verwenden. Sie selbst tun das oft schin, aber wir nutzen die Möglichkeiten nicht im Unterricht.

Würden wir das tun, hätten wir mit einem mal eine 1:1-Ausstattung in der Klasse. Wir hätten eine Atmosphäre, die Technik nicht mehr ausgrenzt und verfolgt, sondern willkommen heißt und einbezieht. Das würde auch den Lehrkräften helfen, die jetzt schon hinter verschlossenen Türen experimentieren. Sie könnten einfacher offen über ihre Erfahrungen sprechen und müssten nicht mehr vermuten, mit ihrem Tun nur geduldet zu sein. Sozial gerecht wäre es auch, denn die Frage der sozialen Gerechtigkeit entscheidet sich heute nicht mehr am Besitz, sondern an der Art der Nutzung. Und hier erleben wir wieder, dass diejenigen, die von ihren Eltern unterstützt werden (können), mehr Kompetenzen erwerben als andere. Wenn Schule nicht beginnt, umfassend mit Medien zu arbeiten, dann wäre das sozial ungerecht… wie manches im deutschen Bildungssystem.

Die Vermutung liegt dann nahe, dass Kommunen mit einem konsequenten BYOD nur Kosten auf die Eltern abwälzen. Aber dem ist nicht so. Auf die Eltern kamen keine neuen, zusätzlichen Kosten  zu, nur würde ihr Investment sich nun auch für das schulische Lernen bezahlt machen. Und die Kommunen müssten nicht nur bessere Internetzugänge, starke, sichere und offene WLANs und Präsentationsmedien zur Verfügung stellen. Auch der Support müsste verbessert werden, denn wenn auf einmal viele im Netz sind, dann muss das Netz auch laufen.

BYOD – bedeutet das nicht ein unübersichtliches Chaos an Geräten und System, dass keine Lehrkraft mehr überblicken kann. Ja, vielliecht. Aber das muss sie oder er auch nicht. Die Vielfalt bietet auch vielfältige Möglichkeiten, Geräte, Apps und Systeme zu vergleichen – und sich Gedanken über die (Über-)Macht einzelne Anbieter zu machen. Auch das eine Facette kritischer Medienkompetenz.

1:1, BYOD, eine gute Ausstattung in der Klassen sind wichtig, damit das Lernen mit Medien überhaupt zu einem Standard werden kann, damit sich die Arbeitsweisen in den Klassenzimmern verändern können. Wichtiger aber noch ist es, dass medienunterstütztes Lernen auf Dauer nicht ein Highlight weniger Lehrkräfte bleibt, sondern die Lernkultur einer Schule prägt. Und hier liegt meiner Meinung nach eines der gravierendsten Defizite: Wir schauen immer wieder auf die Lehrerin, den Lehrer, die nicht mit Medien arbeiten, die sich nicht fortbilden. Was wir aber machen sollten, ist Schulen zu unterstützen eine eigene Strategie zu entwickeln, eine Austausch und Kommunikationskultur aufzubauen, die dann einen Wandel der Pädagogik mit Technikunterstützung ermöglicht. In vielen Schulen gibt es die 5, 10 oder 15 % Lehrkräfte im Kollegium, die jetzt schon „können“ und „wollen“. Diese müssen gestärkt werden und mit Unterstützung von Schulleitung angeregt werden, ihre Erfahrungen ins Kollegium zu tragen. Dabei darf man sich nicht von denen aus der Ruhe bringen lassen, die gerne als „Totalverweigerer“ bezeichnet werden. Vielmehr müssen wir diejenigen in den Blick nehmen, die vielleicht wollen, sich aber noch nicht trauen. Ein guter Weg, Schulleitungen und engagierte Lehrkräfte zu unterstützen, ist es, sie miteinander in Kintakt zu bringen, zu vernetzen. So können sie Probleme im Organisatorischen gemeinsam lösen und im Unterrichtspraktischen voneinanderlernen. Das stärkt das Bewusstsein für die eigene Kompetenz und entlastet, weil nicht jede Idee selbst erfunden werden muss.

Was also braucht es:

  • Eine gute und stabile Infrastruktur mit professionellem Support
  • Vernetzung der Schulen und der engagierten Lehrkräfte
  • Offenheit, die Lernerfahrungen und Ideen der Lernenden und die Technik, die sie mitbringen, produktiv zu nutzen.
  • Wertschätung und Anerkennung der Arbeit, die von Schulen und Lehrkräften heute schon geleistet wird. Und nicht das Jammern über jene, die noch nicht so weit sind.

Ein letztes Wort zu den Bildern und den Zitaten im folgenden Foliensatz: Das sind Fotos und Statesments, die ich in den letzten zwei Wochen von vielen Schulen bekommen habe, die auf den Weg gemacht haben, die heute schon versuchen, „digitale Bildung“ zu leben, zu erproben und einzuführen. Sie hatte ich gebeten, mir einen kleinen Gruß mit nach Berlin mitzugeben. Ich finde, die Fotos zeigen, wie Schule auch aussehen kann und wieviel Engagement  jetzt schon vorhanden ist. Am Ende sind die Schulen dann einmal aufgeführt. Sie stehen exemplarisch für viele andere. Auf sie sollten wir schauen, mit ihnen müssen wir arbeiten. Denn für sie bedeutet „Digitale Bildung“ ihre Schülerinnen und Schüler vorzubereiten auf eine digitalisierte Welt.

Folien zum Vortrag als PDF

3 Gedanken zu „Worüber wir reden (sollten), wenn wir von digitaler Bildung reden

  1. Das ist einer der wenigen Debattenbeiträge, der den Lehrer_innen, die noch in den „Startlöchern“ für Digitales Lernen sitzen, Mut macht. Ich fühle mich angesprochen und verstanden und engagiere mich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Vielen Dank!

  2. „Wir müssen in PISA besser werden und wenn wir das geschafft haben, machen wir wieder was mit Computern“, wow herrlicher Satz der es auf den Punkt bringt. Auch in Österreich sind wir nicht viel weiter. Und ich habe das Gefühl wir fallen immer weiter zurück, und manche Rückstände sind nicht mehr aufzuholen.

    Ich bin Mitbegründer des Waltzing Atoms Projekts. Wir machen genau das: „Wir müssten lediglich die Geräte, die die Jugendlichen bereits heute mit in die Schule bringen auch zum lernen verwenden“. Wir haben eine spielerische Chemie-Lern-App entwickelt (mehr auf http://www.waltzingatoms.com).

    Unser Konzept ist dabei ziemlich pragmatisch: Man wird die digitale Lernrevolution weder gegen den Willen der Schüler noch der Lehrer realisieren, also muss es beiden Spaß machen. Wir dachten uns, den Schülern macht es Spaß wenns mal was interaktives, spielerisches, rätselhaftes ist. Und den Lehrer bieten wir die Möglichkeit ihren Unterricht interaktiv anzupassen, auch währenddessen, und unsere Software soll ihnen gleichzeitig die Vorbereitung so einfach wie möglich gestalten.

  3. Ich teile die Meinung zu PISA in vollem Umfang. Daneben finde ich, dass diese Studie nicht wirklich zielführend ist. Prioritäten werden falsch gesetzt und die Statistiken tragen nicht zu neuen Erkenntnissen bei.

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