Erstsemester

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Mein erstes Semester ist rum. Jetzt muss ich nur noch lernen, wie ich die Leistungsnachweise ausstelle. Die gesamte Anmeldung und Teilnehmerverwaltung lief online. Da war ich dann doch überrascht, das am Ende wieder ein guter, alter Schein auf Papier ausgedruckt wird. Aber das nur am Rande. Wie war denn nun das Seminar?

Die Teilnehmer
Es waren ausschließlich Lehramtskandidaten im Seminar, was das Theme „Unterrichten mit Medien“ ja auch nahelegte. Frauen und Männer waren exakt zu gleichen Teilen vertreten. Nahezu 60 Prozent – und das war zunächst nicht absehbar – waren in den ersten drei Semestern. 45 % sogar in den ersten beiden. Damit lagen dann auch sehr wenige Kenntnisse über das Unterrichten vor, Praktika hatten bisher kaum Teilnehmer gemacht.

Die Lerngruppen
Die Lerngruppen haben relativ gut funktioniert. Die Verlagerung zahlreicher Aktivitäten der Lerngruppen auf die Lernplattform machte allerdiings einigen zu schaffen. Grund war weniger der Umgang mit der Plattform an sich, Problematisch fanden einige die Verpflichtung sich selbst zu organisieren. Sie hätten sich eine engere Taktung und kontinuierliche Kontrolle gewünscht. von ursprünglich 9 Lerngruppen haben das Seminarziel (Erstellen eines Unterrichtsentwurfs) erreicht. Zwei Gruppen haben aber bereits zu Seminarbeginn so starkt unter aussteigern gelitten, dass nur die Zusammenlegung dieser beiden Gruppen noch eine arbeitsfähig Gruppe ergab.

Die Expertenchat
Jede Gruppe hatte einen fachlich passenden Lehrer als Experten an ihrer Seite. Mit den Experten hat es im Verlaufe des Seminars 2 Chats gegeben. Diese wurden von den Teilnehmer sehr positiv bewertete. Vor allem erhielten sie so Einschätzungen zum realen Unterrichtsgeschehen. Neben den Rückmeldungen zu ihren Unterrichtsentwürfen, haben sie vor allem die Informationen zum Einsatz von Lernplattformen und zur Mediennutzung insgesamt geschätzt.

Der Feedbackogen

Richtig spannend fand ich dann die Auswertung des Feedbackbogen. Die Uni hatte mir hier ein PDF zur Verfügung gestellt, das ausgedruckt an die Teilnehmer verteilt und wieder eingesammelt werden sollte. Damit zum Ende des Semesters eine Auswertung vorliegen konnte musste, diese Befragung recht früh im Semester stattfinden. Da mir hierzu meine Präsenztermine (wir hatten davon 3 im Laufe des Semesters) unpassend lagen und mir Fragen zur Organisationsform als „virtuelles“ Seminar fehlten, habe ich den Bogen ergänzt und online gestellt. Zu Beginn der letzten Sitzung am Mittwoch hatten ca. 2 Drittel den Bogen ausgefüllt. Das letzte Drittel hat diese Aufgabe dann im Verlauf des Sitzung nachgeholt.

Völlig überrascht waren die Studierenden dann, als ich zum Ende der Sitzung die Auswertung des Bogen öffnete. Sie hatten die Papierform zwar schon x-mal in anderen Seminaren ausgefüllt, aber noch nie das Ergebnis gesehen und erst recht nicht gleichzeitig mit dem Dozenten.

Auf zwei Fragen möchte ich hier kurz eingehen. Über 30 % der Teilnehmer schätzen die Relevanz des Seminars für ihre berufliche Zukunft als eher gering ein. In der Diskussion konkretisierte sich das so, dass ein Teil dieser Leute meinte, sie würden grundsätzlich nicht gerne mit dem Computer arbeiten und auch trotz der Einblicke, die das Seminar gebracht hätte nicht davon ausgehen, dass sie später in der Schule mit Computer arbeiten würden. Andere schätzen die Bedeutung der digitaler Medien für den Unterricht als eher gering ein und gingen nicht davon aus, dass sich dies in der Zukunft ändern würde, auch wenn sie im Seminar gesehen hätte, welche Möglichkeiten es in ihren jeweiligen Fächern gibt.

Den Arbeitsaufwand für das Seminar schätzen die Teilnehmer im Vergleich zu anderen Seminaren als etwas gleich hoch ein. Eine häufigere Teilnahme an eher online-basierten Seminaren wünschten viele jedoch nicht. Ihnen fehlte das regelmässige (wöchentliche) reale Treffen, die im Gespräch und nicht im Forum geführte Diskussion. Es könnte, so stellte aber ein Teilnehmer fest, auch damit zu tun haben, dass man diese Form der Zusammenarbeit bisher nicht kannte und gewöhnte sei und auch das Web 2.0 ja nicht wirklich kenne und nutze. Darauf hin äußerten dann mehrere die Meinung, man gehöre ja schließlich noch nicht zu denen, die mit Computern und Internet groß geworden sei und digitale Medien daher selbstverständlich nutzten. Das würde sich sicher mit nachwachsenden Generationen ändern.

Wir sprechen hier von Leuten, die überwiegend den Jahrgängen 1988 bis 1986 angehören. Das hat mich dann doch überrascht. Oder bestätigt das meine Vermutung, dass es eher die zukünftigen Lehrkräfte sind, die hier weniger aufgeschlossen sind, als andere …

Wie auch immer, ich freue mich auf den zweiten Durchgang.

5 Gedanken zu „Erstsemester

  1. Hallo Thomas,

    das es noch viel zu tun gibt wissen wir. Aber gerade die Mathe-Gruppe (allesamt in einem sehr frühen Stadium des Studiums) waren überwältigt und begeistert von den Möglichkeiten, die sie entdeckt haben. Und du hast recht, dass nun eigentlich die fachdidaktische Ausbildung diesen Impuls aufnehmen und ausbauen müsste.

    Richard

  2. Dann bin ich nun der dritte „Experte“ und versuche, die bisherigen Ausagen zu ergänzen.

    1. Den Schülern (und auch den angehenden Lehrerinnen und Lehrern) muss klargemacht werden, dass der Computer eben NICHT nur privat ist – man zeige mir bitte einen anspruchsvollen Arbeitsplatz, an dem sich kein Computer befindet. Alle Schüler und Lehrer müssen sich mit dem Computer als Lehr-, Lern- und Arbeitswerkzeug auseinandersetzen und wenigstens wissen, wie man ihn einsetzen kann – dann können sie sich wenigstens entscheiden, ob sie ihn einsetzen wollen.

    2. Sowohl die Studis als auch die meisten fertigen Lehrer wissen kaum, wie man die Neuen Medien sinnvoll einsetzen kann – da muss es viel mehr Seminare in der Uni geben, in denen fachspezifisch erarbeitet wird, welche technischen und didaktischen Möglichkeiten es gibt – die Mathe-Studis hatten auf jeden Fall kaum Ideen, was man mit verschiedenen Programmen machen kann.

    Also Richard, es gibt noch sehr viel zu tun.

  3. Dann melde ich mich mal als zweiter aus der Runde der „Experten“:

    Ich arbeite auch im Schulalltag intensiv mit besagter Plattform und habe als Referendar an einem solchen virtuellen Seminar teilgenommen.

    Was die schulische Plattformarbeit angeht, so kann das Uniseminar nur ein Einblick sein, da ein wesentlicher Punkt fehlt: Gleichzeitige Arbeit in mehreren Kursen über die Plattform. Erst wenn mehrere Schüler gleichzietig online sind und miteinander in Kontakt treten, wird lo-net interessant.
    Der Chat – wie Chats allgemein – gefällt mir generell nicht. Die Gründe wurden oben schon genannt.
    Die Web2.0-Kompetenz von Schülern und den wenig älteren Studenten ist wirklich relativ gering. Und was noch entscheidener ist, es gibt eine Abneigung von Schülern gegen die Arbeit mit dem Rechner im Schulzusammenhang. Häufig höre ich Aussagen wie „der Computer ist mein Privatleben, da möchte ich nicht noch mit Schule konfrontiert werden“. Das merkt man dann auch, wenn man liest, was da teilweise in diversen sozialen Netzwerken von sich gegeben wird… .

    Darüber hinaus bedeutet die Plattformarbeit einen größeren Anteil selbstständiger und selbstorganisierter Arbeit. Das ist dann auch zeitintensiver als normale Uniseminar bzw. „normaler“ Unterricht. Auf die Schule bezogen wird aber im Zuge von Zentralabitur und co ein immer größerer Anspruch an die Selbstständigkeit der schüler gestellt.

    Ich halte es für einen wichtigen Bildungsinhalt, dass Schule auch die Arbeit mit Plattformen weiter treibt.Deshalb bin ich mal gespannt, was Richard über die nächsten Semester berichtet.

  4. Hallo Andreas,

    danke für deine Einschätzung, die sich an vielen Stellen mit denen der Studis und von mir deckt.
    – Persönliches Kennenlernen
    Das war von den Studierenden definitiv gewünscht. Aber bei Experten aus dem gesamten Bundesgebiet nicht zu realisieren.

    – Plattform und Text-Chat
    Hier werde ich im kommenden Semester die Zahl der Möglichkeiten erweitern. Allerdings: Die Studierenden haben auch den Wunsch nach der „EINEN“ Plattform geäußert und würden eingeschränkte Funktionalitäten akzeptieren, wenn dafür nicht mehrere Werkzeuge zum Einsatz kommen müssen.

    – Web2.0
    Deine Einschätzung teile ich. Ich war auch erstaunt, wie wenig Tools überhaupt bekannt waren und (wenigstens) privat genutzt wurden.

    Es ist wahrscheinlich so wie du sagst: Computernutzung ist kein Automatismus und die Frage ist, wie stark diejenigen, die sehr proaktiv und eigenständig das Web2.0 nutzen, in der Gruppe der Lehramtsstudierenden zu finden sind.
    Ein weitere Punkt, der vielleicht gegen die Online-Arbeit spricht: So wie sie gestaltet war, erforderte sie aktives und selbstorganisiertes Arbeiten der Studierdenden in Gruppen. Das ist aufwändig.

    Wir werden sehen, wie es im kommenden Semester weiter geht.

    Danke auf jeden Fall für deine Unterstützung.

    Richard

  5. Ich war einer der „Experten“ für den Chat mit den Studentinnen.

    Mein Eindruck war, dass diese Art der Online-Zusammenarbeit definitiv spannend ist und neue Wege eröffnet – ohne dieses Konzept wären die Seminarteinehmer und ich sicherlich nicht zusammen gekommen, hätten sie also meine Unterrichtserfahrung nicht abrufen können.

    Allerdings sind manche Aspekte auch mühsam:

    * eine Diskussion im Chat zu führen, ist deutlich anstrengender als face-to-face. Ich tippe ziemlich schnell, aber bei Weitem nicht schnell genug, um damit meine Gedanken 1:1 abzubilden. Außerdem entsteht beim Chat immer eine Verzögerung, wenn man auf die getippten Antworten der anderen Teilnehmer wartet.
    * Die verwendete Collaboration-Software ist eine absolut zentrale Frage, weil sie über das gesamte „Erlebnis“ (user experience) entscheidet. Hier kam lo-net2 zum Einsatz, was ist persönlich extrem schlecht designt finde und was entsprechend mehr Hindernisse aufgebaut hat als Zusammmenarbeit zu erleichtern. Ich musste z.B. den Browser wechseln, um ordentlich chatten zu können – das geht gar nicht! Wenn elearning und distance learning funktionieren sollen, müssen die Tools erstklassig sein.
    * Lernen hat was mit Menschen zu tun – ich kann gut nachvollziehen, dass die Teilnehmer nicht mehr elearning Seminare machen möchten. Ich persönlich habe auch die menschliche Komponente vermisst. Nach zwei intensiven Chat-Sessions würde man die Teilnehmer gerne persönlich kennen lernen, man würde gerne ein paar weitere Worte wechseln, während man den Seminarraum verlässt oder sich noch spontan auf einen Kaffee hinsetzen. Das fehlt – und das macht das Erlebnis von „studieren“ mit aus. Insofern sind Blended Learning Szenarios wahrscheinlich angenehmer.
    * Was die Frage nach „digital natives“ in dieser Generation angeht: ich habe die Erfahrung gemacht, dass viel über Web 2.0 geredet wird (allerdings nicht von der Generation der jetzt 15-25 Jährigen), dass aber im ALLTAG wenig verwendet wird. Bisher sind die Einsätze entsprechender Tool inselhaft verstreut – zu wenige Leute haben entweder die Kompetenz oder den Bedarf das einzusetzen (die Älteren haben meist weniger die Kompetenz, hätten aber beruflichen Bedarf, die Jüngeren würden die Tools möglicherweise rasch verstehen, haben aber schulisch/beruflich wenig Bedarf dafür). Außerdem kann man keinesfalls davon ausgehen, dass jeder Jugendliche automatisch gut mit Computern umgehen kann oder das gerne macht – selbstverständlich gibt es auch hier eine große Variabilität.

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