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Kindergeburtstag und Jugendschutz

aus: Das große Buch d LesePiraten, Loewe 2008Der erste Sonnentag im Jahr und meine Tochter feiert Kindergeburtstag. Mit Dosenwerfen und Jonglierbällen-basteln, mit Schokowettessen und Hot Dogs. Und mit einigen netten Geschenken der Klassenkameradinnen. Dabei ein Lesepiratenbuch, das mich aufmerken läast, als ich eine Geschichte sehe, in der ein Bilde mit einem Computer mit einer E-Mail zu sehen ist. Nachdem ich die Geschichte gelesen habe, bin ich entweder wütend oder entsetzt.

Kurz sei die Geschiche wiedergegeben: Ein Mädchen hat in der Schule die Aufgabe, E-Mails mit einem Jungen austauschen, der an einer benachbarten Schule lernt. Sie ist ein wenig frustiert, weil ihr Partner bessere Noten schreibt und damit angibt. In der Handtasche Ihrer Großmutter findet sie eine „lustige E-Mail-Adresse“. Sie schreibt im Unterricht heimlich eine Mail an diese Adresse und sagt, sie würde sich auf eine Brieffreundschaft freuen.

Am nächsten Tag erhält sie eine Antwort von einem 70-jährigen Mann, der sich auch auf die Freundschaft freut. Um das heimliche mailen in der Schule zu umgehen, gibt er ihr seine Postanschrift. Das Mädchen freut sich sehr. Als sich die Lehrerin nähert, klickt sie die Mail weg und gibt vor, an einer Mail an ihren Partner zu arbeiten.

– Ende der Geschichte

Das Buch ist für inder ab 7 Jahren geeignet und soll zum eigenständigen Selbstlesen anregen. Puh!

Dass die Geschichte das E-Mail-Projekt mit einer Partnerschule als Bestandteil eines Unterrichts darstellt, der der Protagonistin nicgt gefällt mag ja noch angehen. Aberob die Darstellung des Umgangs mit Daten anderer, der unbefangenen Kontaktaufnahme zu Fremden und des Verstecken dieser Aktivitäten vor Aufsichtspersonen aus medienpädagogischer Sicht auch nur ansatzweise zu rechtfertigen ist, wage ich zu bezweifeln.

Ich will ja nicht sagen, dass jeder Leselerntext mit pädagogischem Zeigefinger geschrieben sein muss, aber ein in mehrfacher Hinsicht zweifelhaftes Verhalten unkommentiert stehen zu lassen, dass kann es nun auch nicht sein. Besonders betrüblich: Die Nutzung des Computers wird in dem Augenblick als spannend und anregend empfunden, indem Illegales passiert.

Es wird wahrscheinlich nicht nachvollziehbar sein, welches Kind, angeregt durch diese Geschichte, selbst auf Entdeckungsreise im Internet geht und wleche Erfahrungen es dort sammelt. Sicher ist: Sollten die Erfahrungen genügend schlecht sein, werden sie an die Öffentlichkeit gezerrt und die Gefahren des Internets werden beschworen. Dann wird wieder nach Filterregeln und Verboten geschrieen. Die Bücher aber werden an die nächste Generation weitergegeben, damit sie sich die Kulturtechnik lesen erarbeitet.

PS: Ich werde als besorger Vater mal den Verlag um eine Stellungnahme bitten.

2 Gedanken zu „Kindergeburtstag und Jugendschutz

  1. Hallo Nolli!

    Ich glaube nicht, dass es hier nur ums Internet geht. Es gibt sehr gute, unterhaltsame und spannenden Kinderbücher, in denen Kinder auch einen verantwortungsvollen Umgang mit anderen lernen— oder wenigsten präsentiert bekommen.

    Wenn eine 10 oder 12-jährige eine ähnliche Geschichte lesen würde, ok. Aber bei einem Erstlesebuch kann ich nicht davon ausgehen, dass die Kinder ein eigenes „Regelwerk“ haben,wie sie mit dem Internet umgehen. Da wünsche ich mir etwas mehr Verantortungsbewusstsein.

    Und um deine Frage zu beantworten: Nein, ich habe noch keine Antwort.

  2. Und? Gab es schon eine Rückmeldung vom Verlag?

    Ich denke, dass Autor(en) und Verlag sich dabei nicht viel gedacht haben. Genauso, wie viele Mitmenschen sich nicht viel dabei denken würden… . Die beschriebenen Erlebnisse machen die Geschichte natürlich spannender: Kontakt zu einem Fremden, Geheimnistuerei. Das sind alles Dinge, die schon früher im Rahmen von Kinderbüchern, Hörspielen etc. gut ankamen.

    Aber – und da hast Du vollkommen Recht – gerade im Umgang mit Emails, Internet und co (irgendeinVZ,…) ist eine ganzheitliche Sensibilisierung der Kinder notwendig. In den Schulen wird es nun immer mehr versucht, Schüler diesbezüglich aufzuklären. Da ist ein solches Buch sicherlich kontraproduktiv.

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