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Naturverwissenschaftlichung

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Die Schöpfung des Begriffs „Naturverwissenschaftlichung“ ist sicherlich der Diskussion geschuldet, in der – wie insgesamt in der politischen Bildungsdiskussion – immer wieder die Förderung der Naturwissenschaften gefordert wurde, um Nachwuchs für unsere Industrie zu schaffen. Ich füllte mich aber auch herausgefordert, auf die Wortschöpfung zu reagieren, da sie ja auch das Projekt NE! betrifft. Die Rede der Ministerin auf dem D21-Kongress war nun ein zweiter Anstoß sich dem Thema hier einmal zu widmen. Ich versuche es einmal von meiner eigenen Biografie her.

Noch in der Mittelstufe waren meine Neigung gleichermaßen auf die Geistes- und Naturwissenschaften verteilt – mit den Sprachen haderte ich eher ein wenig. Vor allem ein engagierter Chemielehrer setzt Akzente, die mich dann auch in einen Chemie-Leistungskurs führten. Die positiven Erfahrungen der Mittelstufe setzten sich in der Oberstufe nicht fort. Bis ich das Abitur in der Tasche hatte, war mir die Freude an der Chemie vergangen. So ging es einigen im Kurs und die drei, die dennoch ein Chemie-Studium aufnahmen, mussten sich bis zur Promotion vorarbeiten, bevor sie als echte arbeitslose Chemiker galten. Das hat sich zwar mittlerweile geändert und heute habe sie Qualifikationen, die dringend gesucht werden.

Jetzt mache ich mal einen Satz mit Kompetenz. Dass uns in drei Jahren Chemie-Leistung fast allen die Freude am Fach verloren ging, hat sicher mit der Vermittlungskompetenz unseres Lehrers zu tun. Erkennbar war das auch an den extremen Leistungsschwankungen des Kurses, je nach dem, ob es sich um neuen Stoff handelte oder auf Grundlagen aus der Mittelstufe aufgebaut werden konnte.

Warum auch immer: Die Grundschuldidaktik hat seit den 80igern große Schritt nach Vorne gemacht. Ebenso die Fremdsprachendidaktik. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob das so sehr mit der Sprachenorientierung des deutschen Gymnasiums zu tun hat, wie Frau Schavan vermutet. Ich habe da eher die verschiedenen europäischen Kulturinstitute im Verdacht, die in anderer Weise um ihre Kundschaft werben müssen als Schulen.

Wie dem auch sei: Spätestens mit der TIMSS-Studie war die Erkenntnis rum, dass sich am mathematischen-naturwissenschaftlichen Unterricht etwa ändern muss. Neben den Kontext-Projekten haben meiner Meinung nach vor allem die Projekte Sinus und Sinus-Transfer haben hier wichtige Impulse gesetzt und ich behaupte mal, dass ich bei einem neuen Autor bei LO oder NE! nach wenigen Zeiten beurteilen kann, ob er aus dem Dunstkreis dieser Projekt kommt. Soweit auch noch gut und ich glaube, die Hoffnung ist nicht unberechtigt, dass die Erkenntnisse mehr und mehr in die Schulen sickern und an vielen Orten den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht auf ein anderes didaktisches Niveau heben. Auch andere Projekte und Initiativen (der MINT-EC, aber auch NE!) sind hier Tropfen, die helfen, den Stein zu höhlen.

Was mit dem Begriff Naturverwissenschaftlichung nun aber angegriffen wird, ist der einseitige Blick und die extreme Output-Orientierung – und wahrscheinlich auch die nicht ganz unbegründete Angst: Es dauert nicht lange und wir erkennen: Auch die einseitige Förderung der NW-Fächer schafft Problem. Schauen wir auf die Mädchenförderung. Hier ist sehr viel sehr gute Arbeit gemacht worden. Doch gerieten andere dabei aus dem Blick. Gleiches gilt für die frühkindliche Förderung: Wichtig sinnvoll und voll guter Ansätze, doch lassen wir dabei nicht die Grundschulen alleine.

Wir sind gut darin, Löcher zu stopfen, Detailprobleme anzupacken. Was wir dabei nicht beachten: Jede Intervention beeinflusst das gesamte System. Aber um dieses kümmert sich niemand oder jeder, je nach dem. Beides hilft nicht.

Wir reden ja immer sooo gerne von Leuchttürmen – Suchscheinwerfern im Bildungsdschungel. Mach doch mal einer das große Licht an.

Oder auch: Auch die Arbeit am Detail ist sinnvoll. Denn alles neu auf einen Rutsch das geht wohl nicht. Also: Viele Baustellen sind ok, aber wer macht die Bauleitung?

2 Gedanken zu „Naturverwissenschaftlichung

  1. Hallo Richard,

    du hast mich falsch verstanden. Die Wortneuschöpfung von der „Naturverwissenschaftlichung“ bezog sich in meiner Argumentation nicht darauf, dass uns die Naturwissenschaften als Inhalte in der Bildung wichtig (geworden) sind, sondern darauf, dass man die Art des Denkens und Forschens in den Naturwissenschaften auf sozialwissenschaftliche Phänomene überträgt und „so tut als ob“ es keinen Unterschied macht, einen Tisch oder eine Kompetenz zu „messen“. Auch letzteres – also Anleihen bei den Naturwissenschaften zu nehmen – ist nicht grundlegend abzulehnen, wohl aber in der aktuell sich vollziehenden einseitigen Form einfach nicht haltbar. Mein Argument mit diesem Begriff war also eher wissenschaftstheoretisch und forschungsmethodisch gemeint!

    Gabi

  2. Deine Analyse find ich sehr treffend, „wer macht das große Licht an?“. Ich befürchte nur, dass es dieses große Licht zu dem uns die Metaphern „Leuchttum“ oder „Bauleitung“ verleiten, nicht gibt. Denn das setzt zwei Dinge voraus: das man die Ordnung erkennen kann (den besten Weg für alle) und das jemand diese Ordnung durchsetzt. Andersherum ist es natürlich traurig wenn man weiter auf den Flickenteppich und die von dir angesprochenen Teilösungen vertrauen muss. Was tun? Versuchen beste Lösungen zu finden (im jeweiligen Teilsystem) und andere durch Beispiel überzeugen. Ich glaube die Marktmetapher – das ist das große Licht der Moderne – kann man nicht umgehen oder aussschalten, man muss lernen mit „ihm“ zu spielen.

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