Vor Ort

Himmel, Arsch und Zwirn

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Ich war zwei Tage in Bayern und nach landläufig stereotyper Meinung im Rheinland flucht man da tagein-tagaus. Da ich aber nicht weiß, wie man „lujasogi“ richtig schreibt, sage ich „Himmel, Arsch und Zwirn“ – und bin gespannt, welche User Google darob zu meinem Blog trägt. Der Grund für diesen Fluch liegt aber nicht in Bayern, sondern in der Bundesstadt Bonn.

Ich habe von dem Phänomen ja schon seit Jahren gehört, glauben wollte ich es nie wirklich und tat es als Mythos ab. Heute nun habe ich es selbst erlebt. Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass ich gerade von eine Veranstaltung kam, in der es um Ökonomiersierung geht…

Doch der Reihe nach. Als Bonn noch BundesHAUPTstadt war, hielten dort viele Züge. Heute sind es deutlich weniger, kaum ICEs, ICs, die nichts anderes sind als heruntergekommene InterRegios und die Eifelbahn über Euskirchenkalljünkerath nach Trier. Dazu noch ein paar anderer Nahverkehrszüge und erstaunlich viele Güterzüge. Der Bahnhof präsentiert sich wieder als das, was er immer war: Ein Provinzbahnhof.

Und jetzt kommt die Provinzposse:

All diese Züge fahren durch die Bonner Innenstadt. Mitten durch. Es gibt kaum Unter- oder Überführungen aber unzählige Bahnübergänge. Und die sind – und das konnte ich bisher nicht glauben, wollte ich nicht glauben – meist geschlossen. Da vor dem Bürogebäude, in dem ich arbeite kein Parkplatz mehr frei war, musste ich auf das nahe, aber jenseits der Bahnlinie gelegene Wohngebiet ausweichen, um mein Auto zu parken. Abends auf dem Weg zurück zum Auto waren die Schranken geschlossen. Und sie blieben es. Lange. Lange passierte nichts, dann immer noch nicht. Es sammelte sich ein Grüppchen Fußgänger, es bildete sich eine lange Autoschlange. Die Fahrer ließen die Motoren laufen. Auf den Gleisen: Nichts. Dann ein Güterzug. Dann wieder nichts. Die Menschentraube wurde größer, die Autoschlange länger. Dann ein IC. Dann wieder nichts. Schließlich eine Regionalbahn. Nach nahezu 20 Minuten, in denen drei Züge passierten, öffneten sich die Schranken.

Den Weg zum Auto legte ich im Sprint zurück. Ich wendete in einem halsbrecherischen Manöver und war auf dem Weg zurück zum Bahnübergang wahrscheinlich nur wenig von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit entfernt. Doch vergebens. Vor mir senkten sich die Schranken.

Ich schaltete den Motor ab und stellte in den folgenden 20 Minuten einige Berechnungen an:

  • Wie hoch ist der CO²-Ausstoß vor den Bahnübergängen Bonns stündlich, täglich, monatlich, jährlich?

  • Wie viel Lebenszeit verbringt ein Bonner, der diesseits der Bahn wohnt und jenseits der Bahn arbeitet an den Schranken? Wie viel Zeit verbringt der Bonner im Durchschnitt dort?

  • Wie hoch wären die Kosten, die Bahnübergänge so einzurichten, dass sie sich kurz vor einem Zug schließen und unmittelbar danach öffnen?

  • Was ist ökonomisch?

  • Und was sagt es über die Bonner aus, die das seit Jahrzehnten mitmachen?

Die Fahrzeit im abendlichen Berufsverkehr von Bonn nach Köln war kürzer als die Wartezeit an der Bahnschranke in Bonn.

Wen die Privatisierung kommt, kaufe ich drei Bahnaktien, gehe zur Vollversammlung und beantrage die Einstellung von 1-EUR-Jobbern, die die Schranken öffnen und schließen. Das lässt sich sicher über freiwillige Spenden der Fußgänger und Autofahrer finanzieren.

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