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Mördergeschichte

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Heute war ich an drei verschiedenen Schulen zu Gast. An einer sah ich ein Zeugnis aus einer achten Klasse. Da stand etwas drauf, das glaubst du nicht.

Als Arbeitsgemeinschaft war verzeichnet:Mördergeschichten!

Es war eine Hauptschule, die unter anderem -wie das in sozialen Brennpunkten passiert- unter sozial auffälligen Jugendlichen leidet. Nun ist es sicher sinnvoll „die Lernenden da abzuholen, wo sie stehen“. Aber „Mördergeschichten“? Anleitungen? Vorbilder?

Wie wäre es den mit Detektivgeschichten? Kriminalgeschichten? Freies Schreiben? Was auch immer.

Müsste man mal drüber nachdenken.Oder sehen ich das zu eng?

2 Gedanken zu „Mördergeschichte

  1. Hallo Frank,

    du hast vor allem damit Recht, dass im vorliegenden Fall Informationen fehlen. Wir wissen nicht, wenn wir nur eine Zeile auf einem Zeugnis gesehen haben. Richtig!

    Aber Sprache spricht. Wenn ich eine Ag Mördergeschichten nenne, dann setze ich ganz klar einen Fokus (was der Lehrer draus gemacht hat, wissen wir nicht). Wenn ich einem Schüler ins Zeugnis schreibe, dass er an der AG Mördergeschichten teilnahm, dann weiß niemand, der das Zeugnis liest und sich ein Bild von dem Jungen macht, was in der AG passiert… macht sich aber dennoch ein Bild.

    Darum geht es mir: Keine Aussage über den Unterricht, den ich nicht kenne. Aber die Fragen: Was gebe ich mit dem Titel den Kindern vor? Und was erzähle ich anderen über die Kinder, denen ich Mördergeschichten ins Zeugnis schreibe.

    Übrigens gibt es da einen kleinen Band, den Viktor Klemperer bereits 1947 veröffentlicht hat, lange bevor er auch im Westen bekannt wurde. Er trägt den kurzen Titel LTI.
    http://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen

  2. Mördergeschichten?

    Eine radikale und pädagogisch spannende Frage: was heisst denn „abholen“ oder „angemessen“? Ich habe mir vor Kurzen den Film „Die Welle“ mit Jürgen Vogel (http://www.spielfilm.de/kino/30912/die-welle.html)angesehen – zusammen mit der Familie. Der junge Lehrer versucht die Schüler in einem Selbstexperiment davon zu überzeugen, dass JEDER, JEDERZEIT sich von Gewalt und Gewaltherrschaft verführen lassen kann. Zunächst ein mir symphatischer pädagogischer Ansatz. Das Experiement entgleitet ihm, ein Schüler stirbt, weil er nicht verstehen kann, dass alles nur ein Experiment (mit pädagogischen Anspruch) ist.

    Unterm Strick könnte man sagen, dass ein solcher „life case“ pädagogisch besonders wirksam ist. Aber ein Menschenleben ist durch kein Konzept zu rechtfertigen. Man sieht in diesem Film sehr schön, welche Gradwanderung engagierte Pädagogen (in Brennpunkten wie der Hauptschule) durchmachen. Was heisst HIER „anschlussfähig“? Wie radikal muss ein Unterrichts- oder Projektansatz sein, der ernst genommen wird, der an-stößt? Wie authentisch (auch so ein schönes Wort) muss ich vorgehen oder sein? Was ist für die Kinder, meist ohne klare Zukunft, noch frag-WÜRDIG?

    Warum also nicht „Mördergeschichten“? Die wichtige und entscheidende Frage ist: was hat sich der Lehrer dabei noch gedacht? Was hat er didaktisch vor, wie bettet er es didaktisch ein? „Mörder“ oder „mörderisch“ kann ja auch „hammergut“ heissen. Kurzum, es fehlen noch Informationen.

    In jedem Fall brachte mich der Film „Die Welle“ gut zun Nachdenken darüber, was Angemessenheit im Kontext der Schule bedeutet. Der Film macht dabei klar, das es nicht um eine UnterrichtsTECHNOLOGIE der „Passung“ geht (nutze ich einen Film als Einstieg, hole ich die Schüler mit Mörder- oder Romangeschichten ab etc.), sondern es geht letztlich viel intimer um die Haltung, das Selbstverständnis des Lehrers. Ich darf vermuten, dass sich die aktuelle Lehreraus und -fortbildung nicht sonderlich darum kümmert, mit welchem Ethos, welcher innen Orientierung, ich meinen Beruf ausübe.

    Es bleibt dabei: Lehrersein ist eine mörderisch (schwere) und zutiefst sinnvolle Aufgabe. DAS sind die „Mördergeschichten“ über die die Welt berichten sollte.

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