Advent

22. Türchen – Solo

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Meine Schwester kommt solo zu Tante Gerda. Eigentlich keine ungewöhnliche Nachricht. Allerdings betrifft sie in diesem Jahr nicht die Kleine, sondern Barbara meine große Schwester. Thomas‘ Firma hat nicht nur nach Osten expandiert, er hat sich persönlich in den Aufbau der Geschäftsbeziehungen eingebracht und die dreiundzwanzigjährige Marketing-Assistentin eines eben aufgekauften polnischen Unternehmens geschwängert. Cordula hat er das, mit dem Koffer in der Hand, gestern abend verkündet, schon auf dem Weg zum Flughafen, zum Flug nach Warschau, zur Weihnachtsfeier in den Karpaten in der neu erworbenen polnischen Großfamilie. Justyna, die junge Mutter, hat sechs Geschwister und ist bereits dreizehnfache Tante.

Die väterliche Mitschwangerschaft erklärt die Übelkeit im Angesicht der Schoko-Cognac-Spucke-Pappe nur unzureichend. Wirft aber ein neues Licht auf die enthusiastischen Berichte auf die Osterweiterung der Firma.

Die Kleine bot an diesmal ersatzweise ihren Freund mitzubringen. Onkel Robert fragte am Telefon kurz „Ali?“ Silvia war hoch erfreut, dass er den Namen noch erinnerte und umso bestürzter, als er sie fernmündlich anbrüllte, er dulde keinen Ausländer in seinem Haus. Jetzt erst recht nicht mehr.

Sowohl die Geschenkfrage als auch die Menüplanung sind völlig offen. Onkel Robert berichtet jedem von seinem Kampf mit dem Karpfen im Straßengraben, als handele es sich um Samson und den Löwe. Barbara wird von nicht enden wollenden Weinkrämpfen geschüttelt und wimmert immer wieder: Aber er wollte doch nie Kinder! Tante Gerda erlitt am Nachmittag einen leichten Schwächeanfall. Petra und ich haben mit den Kindern den Baum geschmückt und uns wechselseitig die Ereignisse, die unser weiterhin verschneites Haus telefonisch oder per E-Mail erreichten, berichtet. Nach Alkohol stand uns nicht der Sinn. Es scheint, wir brauchen bald einen klaren Kopf.

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