Advent

8. Türchen – Tante Gerdas Geburtstag

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Seit Anfang Dezember steht das Schreckensbild der drei toten Hasen auf Onkel Roberts Weihnachtstisch so deutlich vor uns, dass wir wieder einmal die Generalprobe auf das Desaster fast vergessen hätten: Tante Gerdas Geburtstag. Doch entkommen lässt sie uns nicht. Gesternabend der Anruf, wir mögen doch bitte die Fotos vom letzten Urlaub mitbringen. Nicht das sie wirklich Interesse an den Fotos hätte, aber so konnte sie uns unauffällig an die Feier erinnern, die wir sonst bereitwillig vergessen hätten.

So aber blieb kein Ausweg. Start mittags Punkt 12. Rindfleischbrühe mit Markklöschen. Sauerbraten mit Rotkohl und Kartoffelknödel. Fürst Pückler Eis. Onkel Robert interpretiert die letzten Landtagswahlergebnisse auf seine Art: „Die Ossis wissen wenigstes noch, was richtige Deutsche sind!“ Carsten, Petras Bruder, erläutert uns die Vorteile seiner neuen Stelle als Executive Office Deputy Manager. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es dabei weniger um mehr Geld als um mehr Zeit – nicht für die Familie, sondern im Büro. Weshalb Marga, Carstens Frau, zumindest für die erste Zeit in der neuen Stelle und bis zum Ende der Stillzeit ins Kinderzimmer gezogen ist. Dresdner Stollen, gut gelagert und entsprechend trocken. Dazu Buttercremetorte – die Paul mir auf der Heimfahrt samt einer Tüte Erdnüsse in den Nacken kotzen wird. Eine Runde Scarbel, die auf Carstens drängen abgebrochen wurde, weil im Hause kein aktueller Duden mit der neuen Rechtschreibung aufzutreiben war. Bratheringen. Für die Kinder: Pellkartoffeln mit Kräuterquark. Mittlerweile kann sich keiner mehr bewegen. Tante Gerda war zu Tode betrübt, weil Paula ihre Blockflöte vergessen hatte, die Paula und ich, kurz bevor wir das Haus verlassen hatten, noch in ihr Zimmer zurückgebracht hatten – Paula und ich waren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen sehr erleichtert. Beim Aufwischen von Pauls Kotze fand ich dann auf der Rückbank noch die Flasche Mariacron, über die sich Tante Gerda eigentlich hätte freuen sollen, die aber auch niemand wirklich vermist hat.

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