Advent

4. Türchen – Barbarazweige

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Auch hier hatte ich stutzig werden können, aber die Einladung kam unscheinbar per E-Mail und um Terminproblemen vorzubeugen schon Mitte Oktober. Damals hatte ich den Termin kurz mit Petra abgesprochen und dann in den Familienkalender in der Küche eingetragen. Zur etwas verspäteten Kaffeetrinkenszeit standen wir dann heute mit zwei feierlich herausgeputzten Kindern vor der Wohnungstür meiner älteren Schwester und hofften auf ein schnelles Ende des Abends.

Silivia, meine kleine Schwester, war bereits eingetroffen und redete. Offenbar hatte sie nicht bemerkt, dass Barbara, die Gastgeberin, den Raum verlassen hatte, um uns zu öffnen und Thomas, Barbaras Langzeitlebensabschnittsgefährte, es wohl schon seit längerem vorzog in der Küche Tee zu kochen.
Silvia ließ sich auch durch unsere Ankunft nicht in ihrem Redeschwall bremsen, der -wie ich vermutete- von ihrem jüngsten Verflossenen oder ihrer jüngsten Eroberung handelte. Mit leichter zeitlicher Verzögerung betraf das aber die gleichen Männer und ich hatte bereits kurz nach Sivlias Zwischenprüfung an der Uni aufgehört, mir die Namen und Details zu merken. Das hatte mich dann auch davor bewahrt einzelne Verehrer, denen ich dann doch begegnet war, mit Sachkenntnissen zu konfrontieren, die sie nicht betrafen, sondern ihr Vorvorgänger.

Während Silvia also redete stürmten Paul und Paula zu Thomas in die Küche. Paula wollte helfen den Tisch zu decken. Paul stürzt sich auf die Schokolade, bemerkte aber erst das es Cognacbohnen waren, als er bereits sieben im Mund hatte. Als ich die Küche betrat, lief die Schokoladen-Cognac-Spucke-Mischung gerade die Küchentür hinunter und Thomas schien kreidebleich zu überlegen, ob der das Spültuch, das er noch geistesgegenwärtig gegriffen hatte, nun zum Aufwischen oder Hineinkotzen benutzen sollte, oder ob er einfach auf Klo stürzen sollte, um sich dort zu erleichtern und sich erneut zu schwören, dass er noch mindestens fünf Jahre Zeit habe, bevor Barbara und er über das Kinderkriegen nachdenken mussten. Schließlich waren sie beide erst siebenunddreißig.

Der Abend endete erfreulich früh. Während wir uns mit Tee und Kuchen beschäftigten und erfolglos bemüht waren, Paul und Paula daran zu hindern ihre Schokoladenverschmierten Hände an Cordulas weißen Weihnachtsstuhlhussen abzuwischen, redete Silvia weiter. Ich meine mich zu erinnern, dass es eher um den aktuell Verflossenen und weniger um den zu erwartetenden neuen Vereherer ging. Vom Zwang, am Kaffeetisch sitzen zu müssen befreit und mit der Erlaubnis Thomas‘ Videospiel im Wohnzimmer spielen zu dürfen, stürmten Paul und Paula aus dem Zimmer. Beim Kampf die Spielekonsole als erste zu erreichen stolperte Paula und landete kopfüber im neuen gläsernen Couchtisch. Der Tisch war zerbrochen, die Platzwunde an der Stirn war schnell und mit 4 Stichen genäht und wir waren früher als erwachtet zu Hause. Es hätte schlimmer kommen können. Das ganze nannte sich Barbaras Namenstagsfeier und das traditionelle Barbara-Zweige-Schneiden haben wir dank des Krankenhausaufenthaltes verpasst.

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