Advent

2. Türchen

Veröffentlicht

Das Ende im letzten Jahr: Der Schwur nie wieder Weihnachten „im Kreise der Familie“ zu feiern. Nie wieder!

Es war ja nicht nur so, dass die Genickknochen der Hasen knacken, wenn Onkel Robert sie abknabberte. Im letzten Jahr hatte Paula verstanden, dass es sich bei dem Braten um Hasen handelte. Sie hatte Onkel Robert wüst beschimpft, wie er nur den Osterhasen kochen und uns zum Aufessen vorsetzen könne, war mit der Drohung uns alle zu hassen und nie wieder mit uns zu reden aus dem Zimmer gestürzt. Tante Gerda hatte sie aufgehalten und ihr gesagt, es seien Kaninchen, keine Hasen. Sie wusste nicht, dass es Paula sehnlichster Wunsch war, ein eigenes Kaninchen in einem kleine Stall zu halten.

Silvia, meine kleine Schwester, war ohne neuen Freund erschienen. Petra und ich mutmassten heimlich, der Neue sei schon wieder abgelegt. Gerda fragte aber immer wieder, was er denn mache, der Alex. Silvia antwortet, was Ali mache, bis Onkel Robert meinte, Ali, könne er doch wohl nicht heißen, das höre sich doch eigentlich sehr türkisch an. Es enstand eine Stille. Danach verließ auch Silvia vorzeitig die Weihnachtsfeier.

Barbara und Thomas waren gerade wieder sehr erfolgreich, weiß gekleidet und kosmopolisch im neuen Wagen vorgefahren. Thomas referierte über seine neusten Errungenschaften für seine Firma, seine Expansion nach Osteuropa und das nahende Ende der großen Koalition, spätestens mit der EU-Präsidentschaft. Onkel
Robert murmelte regelmässig, das Ali doch ein türkischer Name sei und bei der nächsten Wahl endlich wieder ein richtiger Mann Kanzler werde, wenn es der Strauß schon nicht geschafft habe, dann jetzt eben der Stoiber.

Petra und ich schenkten uns wechselseitig Rotwein ein. Der kam aus Südfrankreich, war sehr gut und stieg uns beiden zu Kopf. Als Petra meiner großen Schwester Barbara davon über den weißen Alpakaka-hastenichtgesehen-Pullover goß, musste ich mir eine längere Rede anhören, was ich denn da geheiratet habe. Ich konnte
immerhin entgegen, dass wir nicht geheiratet hätten. Die Erwähnung, dass Petra und ich es aber zu zwei -wie wenigsten wir fanden- zwei sehr netten Kinder gebracht hätten, so im Gegensatz, ließ dann die Stimmung auf den Nullpunkt sinken. Onkel Robert meinte, Kinder brauche man heute nicht mehr selbst zu machen. Wenn man so erfolgreich sei wie Thomas, könne man die auch
in China bekommen.

Manchmal ist es ein Segen, dass Onkel und Tante nur vier Stationen mit der S-Bahn entfernt wohnen. Zuhause brachten wir den Kinder ins Bett und stellten erfreut fest, dass wir unabhängig voneinander jeder eine Flasche vom Rotwein in die Manteltaschen hatten gleiten lassen. Wir schafften zwar nur noch eine halbe Flasche, stießen aber bei jedem Schluck aufs Neue an und gelobten:
Nie wieder!

Kommentar verfassen