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Mut, dem Lehrer zu vertrauen

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Web 2.0 ist prima, denn ich kann fast überall sein und doch zu Hause bleiben. Ganz im Sinne von Hans Dieter Hüsch: Der Niederrheiner ist Kosmopolit… solange er zu Hause bleiben kann. Grne wäre ich in die Schweiz gefahren, um an der Fachtagung „Web 2.0 und Schule“ teilzunehmen. Aber es war keine Zeit. Doch dank Web 2.0 kann ich mir die Vortrage in Internet anschauen und erfahre auch, dass ich, den Kölner Vorfrühling zum Maß aller Dinge machend, wahrscheinlich die falschen Klamotten eingepackt hätte.

Wahrscheinlich wäre es schon schöner gewesen, direkt dort sein zu können, aber auch so kann ich ja zu dem einen oder anderen Vortrag meine Meinung sagen:

Ich fange mal mit dem dritten Vortrag an: Lehrerbildung und Web 2.0 hatte Frau Reinmann ihren Vortrag überschrieben und lädt uns zu einem Perspektivwechsel in der Lehrerbildung. Sie will nicht mehr nur Wissen über den Lehrer transportieren, sondern den Lehrer selbst ins Zentrum stellen und ihn in seiner Wissensarbeit unterstützen. Sie stellt an einem Beispiel fest, dass Lehrer Web 2.0 nutzen können zur Selbstorganisation, zur Reflexion, zur Information und zum Dialog. Im Ergebnis sieht sie das Lehrer Web 2.0 nutzen, zum Informationsmanagement, zum beziehungsmanagement und – und das billigt sie dem Lehrer unbedingt zu und wertet es nicht, wie man das durchaus auch findet, ab – Identitätsmanagement.

Der schönste und vielleicht auch erschütterndste Satz ihres Vortrages ist der, in dem sie sagt, man habe es bisher kam gewagt, in den Lehrer als Wissensarbeiter aufzuwerten, in sein Wissen, seine Kompetenzen und seine Identität zu investieren, in dem Vertrauen, er werde in der Folge dann schon guten Unterricht machen.

Schön ist dieser Satz deshalb, weil er Mut macht, diesen Schritt zu wagen und den Lehrern mehr zuzutrauen. Erschütternd, weil er auch zeigt, wie wenig wir offensichtlich unseren Lehrern zu- oder vertrauen.

Wenn ich mich in den zahlreichen Lehrerblogs umschaue, dann sehe ich, dass der von ihr als Beispiel herangezogene Herr Rau nicht alleine ist. Das es eine Reihe anderer Lehrer gibt, die ähnlich arbeiten wie er und dies auch öffentlich im Internet tun. Doch frage ich mich, wie repräsentativ das am Anfang bemühte Beispiel ist, in dem Herr Rau auf den Kreidefresser reagiert und über seinen eigenen Unterricht nachdenkt. Oft bleiben dann doch auch Beiträge unkommentiert, die besonders zur Diskussion einladen, wie zum Beispiel die aktuellen Reflexion von norberto42 über das 1. nordrhein-westfälische Zentralabi.: hier und hier und hier.

Das soll nun nicht pessimistisch stimmen, sondern nur den Weg aufzeigen, der wohl noch vor uns liegt – vielleicht auch verbunden mit der Frage, was zu tun ist, damit das magische Dreieck, das Frau Reinmann entwirft, seine Kraft auch entfalten kann.

Pessimistischer stimmt mich hingegen eine Hauptschullehrerin, die ich gestern Abend irgendwo im nördlichen Ruhrgebiet auf einer Party um drei Ecken traf. Ich erzählte von meiner Arbeit und sie war erstaunt bei dem Gedanken mit Hauptschülern am PC zu arbeiten. Mein Einwurf, es wäre ja möglich, dass das für den beruflichen Werdegang ihrer Schüler hilfreich sein könnte, verstand sie nicht und fragte: Wieso beruflicher Werdegang? Die kriegen doch eh alle keine Jobs.!

Da bracht es dann schon viel viel Mut, in die Kompetenzen unserer Lehrer zu vertrauen… tun wir es! Trotz alledem!

Frohe Ostern!

4 Gedanken zu „Mut, dem Lehrer zu vertrauen

  1. Die These des Aufsatzes ist sehr interessant, darüber müsste man mal länger nachdenken –
    auch im Hinblick darauf, was in mancher „Aktivierung“ von Schülern produziert wird. Gestern sah ich, wie Schüler des Kollegen K „Plakate“ zum Inhalt von Fontane, Irrungen, Wirrungen, schrieben; sie schrieben das exzellente Arbeitsblatt ab, das der Kollege L im laufenden Schuljahr fabriziert hat. Da habe ich wirklich herzhaft gelacht und ihnen empfohlen, doch gleich das Blatt zu kopieren. Und ich habe sie darauf hingewiesen, dass im Netz wegen der Obligatorik des Zentralabiturs jede Menge Fontane zu finden ist. „Auch auf Ihrer Seite?“ „Klar, auch auf meiner Seite…“

  2. Hallo Hokey,
    vielen Dank für den Hinweis. Werde mich der Sache mal annehmen.

    Die These zu den ausbleibenden Kommentaren ist gut, vor allem wenn sie sich auf so gute Blogs, wie den von Norberto42 beziehen.

    Damit wäre dann im Web 2.0 wieder einiges so, wie in einem „ganz normalen“ Seminare. Was ja irgendwie auch nicht wirklich verwundert. Oder?

  3. Hallo und danke für den Hinweis auf den Vortrag!
    Vorab noch etwas Technisches: Wenn man hier als Kommentator Namen, E-Mail und Website eingibt, kann man nicht sehen, was man tippt, weil die Schriftfarbe (hellgelb, möglicherweise das gleiche Gelb wie rechts in der Blogroll) fast der des Hintergrundes gleicht.

    Repräsentativ ist das Beispiel nicht, aber für den Vortrag sicher schön anschaulich, denn es soll ja nur zeigen, dass es möglich ist, Unterricht(en) öffentlich zu reflektieren.

    Norberto42 halte ich mit JochenEnglisch für eines der bereicherndsten Lehrerblogs, weil man merkt, dass hinter den Beiträgen eine Menge Know-How und Erfahrung steckt. Möglicherweise ist es aber gerade die Qualität der Beiträge, die Kommentatoren abhält, sich zu Wort zu melden. Ich habe schon oft festgestellt, dass eine banale Äußerung („Bei uns regnet es gerade…“) zig Kommentare nach sich zieht (die sich dann um Gott und die Welt drehen), wogegen sachliche Beiträge mit viel Sprengstoff kaum Diskussionen nach sich ziehen.

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