Leben

Ich fahr nur so rum

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Manchmal fahre ich ganz viel mit dem Zug. Dann sitze ich morgens ganz früh im Zug, fahre quer durch Deutschland, um irgendwo vor oder mit Leuten zu reden. Und dann fahre ich wieder quer durch Deutschland, um spät abends wieder in Köln zu sein.

Ich mag diese Tage, weil ich gerne Zug fahre. Weil ich Aufgaben habe, die ich mir genau für diese Fahrten aufhebe, um sie dann ungestört zu erledigen. Weil ich an diesen Tagen – angefangen bei der Tasse Kaffee auf dem Bahnhof bis zum Bier im Zug-Bistro kurz vor der Ankunft wieder in Köln – meine festen Rituale habe.

Ich mag sie nicht, weil es unmöglich ist, an einem Tag zweimal weiter als 100 km mit der DB zu fahren, ohne einmal eine dicke Verspätung einzufahren.

Heute ist aber etwas passiert …

… und zwar schon auf dem Weg zum Bahnhof. Die Linie 18 kam nicht. Also habe ich die 3 genommen. Da muss ich dann an der Herler Straße umsteigen. Ich bin ausgestiegen und in die nächste Bahn eingestiegen. Das war aber – und darauf hatte ich nicht geachtet – unplanmässig wieder eine 3. Also bin ich mit der bis Stegerwaldsiedlung und da dann in die 4 zum Wiener Platz, um dort die 19 zu bekommen, mit der ich eigentlich schon ab Herler Straße zum Bahnhof wollte. Mit anderen Worten ich war ein wenig verpennt und bin ein kleines Dreieeck gefahren.

Als ich nun aber am Wiener Platz aussteigen will, steht auf einmal N. neben mit. N. und ich haben vor Ewigkeiten zusammen studiert, haben viel Zeit miteinander und mit anderen verbracht, haben Prüfungen gemeinsam bestanden und vile Bier zusammen getrunken. Irgendwann -N. wusste gestern: es war sein 30. Geburtstag 1997- trennten sich unsere Weg, weil wir beide aus Köln weggingen. Vor 7 oder 8 Jahren sind wir uns zum letzten Mal nicht ganz zufällig begegnet. Und dann an einem Morgen im Märtz in der falschen Bahn.

Ich sage: „Nee, was machst du denn hier?“ Und er sagt:

„Ach, ich fahr nur so rum!“

Das tat er, weil er heute seinen letzten Urlaubstag hatte. Er ist dann mit mir zum Bahnhof gefahren und haben 10 Minuten über das Leben, die Kinder, die Frauen, die Freunde von früher und die Jobs von heute und das Älterwerden geschwätzt. Dann ist er weitergefahren und ich bin in den Bahnhof gegangen.

Zum Abschied sagt er: „Jetzt weiß ich, warum ich heute morgen Lust hatte, mal durch die Gegend zu fahren!“

Paul Auster lässt grüßen.

In Hannover war ich pünktlich. Der Zug zurück kam mit 45 Minuten Verspätung in Köln an.

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